Auf meinem viertätigen Ausflug im Mai nach Südböhmen in der Tschechischen Republik besuchte ich die Mittelalterstadt Tabor, wanderte auf einem der besten Wanderwege Europas, paddelte auf der Lužnice und entdeckte Campingplätze, auf denen die Zeit stehengeblieben zu sein scheint. Kommt mit in die schöne Region Toulava ca. 90 Minuten südlich von Prag. 

Start meine Reise war die kleine Stadt Tabor ca. 90 Minuten südlich von Prag. Tabor zählt 36.000 Einwohner wurde im 15. Jahrhundert als Bauerngemeinde gegründet und erinnert in seiner Fachwerk-Architektur ein bisschen an Rothenburg ob der Tauber. Tabors Altstadt präsentiert sich im Herzen einer mächtigen Stadtmauer, mit einem wunderschönen Marktplatz und einem Gewirr von Kopfsteinpflasterstraßen. Euren Camper  solltet vor den Toren der Stadt abstellen und die Stadt am besten zu Fuß erkunden. Die Einfahrt mit dem Wohnmobil ist zwar erlaubt und es gibt auch einige wenige Parkplätze, aber die zum Teil engen Gassen sind nur etwas für Profis und zu Fuß macht die Erkundung des überschaubare Stadtkerns deutlich mehr Spaß. 

Regionale Speisen und verbotene Wurst

Abends bin ich dann bei Jan im der Weibar Thir eingekehrt. Sie liegt in einem Gewölbe wo Jan eigene Weinkreationen und regionale Speisen serviert. Alles sehr urig und ein schöner Ort für Weinliebhaber, die auch mal einen Tropfen abseits von Riesling und Merlot ausprobieren wollen. Jan erzählt mir von seinem Konzept und dass er nur Waren und Speisen serviert, die auch aus der Region sind und nicht weiter als in 30 Kilometern von seiner Weinbar hergestellt werden. Zu einem naturtrüben Rosé namens Utopia aus einem Faß mit dem Namen Babora hatte ich Karpfen-Cevice, Rotebeete-Salat mit schwarzem Knoblauch, verbotene Wurst, Frischkäse in herrlichem Olivenöl und dazu bestes, hausgemachtes Brot. Eine Bäckerei und Restaurant macht Jan auch, aber dazu gleich mehr.
Besonders stolz ist Jan auf die Karpfen-Ceviche, da es in der Region Toulava eigentlich nur diesen Speisefisch gibt. Und die verbotene würzige Salami hat er von einem Bekannten und verboten ist sie nur, weil er die nicht offiziell produzieren darf. Ein verboten, köstliches Hobby sozusagen.
Der Abend verfliegt und Jan erzählt von seinen Reisen nach New York, wo er selbst internationale Gourmets mit seinen Weinkreationen und Spezialitäten beeindruckt. Im Anschluss hat Jan mich dann noch in sein Restaurant Výčep mitgenommen, das er neben der Weinbar und einer Bäckerei betreibt. Das Restaurant liegt direkt am Marktplatz und bietet draussen und innen an einer Bier-Bar mit fünf verschiedenen Sorten aus dem Zapfhahn Platz. Ein 0,5 Liter Bier im Výčep kostet umgerechnet 1,80 Euro und die Tschechen unterscheiden bei ihren Biersorten in der Stammwürze. Auf den Karten stehen dann Werte von 18 bis 22, was in etwa mit der Abstufung im Alkoholgehalt gleichzusetzen ist. Ein Bier mit 20er Stammwürze  entspricht in etwa den Bieren bei uns mit ca. 5% Alkohol. So eins habe ich dann auch bestellt und den Abend ausklingen lassen, bevor ich in mein Hotel mit dem Schönen Namen Eleonora geschlendert bin, das mich ein wenig an die Filme von Wes Anderson erinnert. 

Fun Fact: Früher gab es sogar ein Bier in der damals noch Tschechoslowakei, das extra für Kinder entwickelt wurden und dessen Stammwürze = Alkoholgehalt verschwindend gering war. So konnten Papa und Filius schon früh zusammen Bier trinken gehen. 

Restaurant Výčep: http://www.vyceptabor.cz
Weinbar Thir: https://www.thir.cz
Romantic Hotel Eleonora: https://www.eleonorahotel.cz

Wandern auf einem der schönsten Wanderwege Europas

Die Wissenschaft des Wanders

Am nächsten Morgen habe ich meine Lederschnürschuhe angezogen und mich auf einen der besten Wanderwege Europas entlang des Flusses Lužnice gemacht. Meine erste Etappe auf dem insgesamt 55 KM langen Wanderweg führt mich von Tabor nach nach Dobronice und dann in der zweiten Etappe nach Bechyně. Mit 17Km erschien mir die Strecke gut machbar, und da ich mit meinem Hund Gréta viel unterwegs bin fühlte mich gut gerüstet für den Marsch, auch wenn mein kleiner behaarter Pacemaker diesmal nicht dabei war.
Der historische Wanderweg aus dem 19 Jahrhundert geht auf unbefestigtem Wandboden immer entlang der Lužnice und Markierungen und Schilder sorgen dafür, dass ich mich gut zurecht finde. Ich habe auf meiner Wanderung abgesehen von einer kleinen Gruppe fast niemanden getroffen und konnte die atemberaubende Natur so fast für mich allein geniessen. Begleitet wurde ich vom Rauschen des Flusses, dem geschäftigen Gesang der Vögel und dem herrlichen Duft des ausdauernden Silberblattes, das überall blüht und dabei einen ähnlichen Duft wie Lilien verbreitet. 

Wissenschaft des richtigen Schuhwerks 

Nach ca. 10km fingen meine Füsse an SOS zu funken und ich wusste, das ich mich bei der Wahl meiner Schuhe vertan hatte. Zuhause in Hamburg habe richtig schöne Wanderschuhe, aber ich wollte leicht reisen und hatte versucht mit nur einem Paar Schuhe auszukommen – ein fataler Fehler.
Als ich eine kurze Pause bei einem Bier machte, um meine Füße zu versorgen, traf ich auf einen Wandersmann namens Jan Havelka. Wie sich heraus stellte ist er 86 Jahre alt und Ehrenpräsident des Klubs Tschechischer Touristen und der Wanderweg quasi sein Baby. „Damit ein Wanderweg international Zertifiziert werden kann, muss er 40 Kriterien erfüllen und darf unter anderem nicht mehr als 20km Asphalt haben“, sagt er und ergänzt „aber die 20km dürfen nicht an einem Stück sein“. Klingt alles sehr kompliziert und Jan bestätigt, dass es auch so ist. Er hat viele Jahre damit verbracht, zusammen mit Gemeinden entlang des Weges, eine Route zu entwickeln, die genau diesen hohen Vorgaben entspricht. „Zum Teil hat es eineinhalb Jahre gedauert bis ein 10 Meter breiter Feldweg von Bauern abgekauft werden konnten, um eine kleine Verbindung für den Wanderweg zu ermöglichen“ sagt Jan und ich kann Freude und etwas Stolz in seinen Augen sehen. Das sich das auch wirtschaftlich für die Region gelohnt hat wird aus dem Zuwachs bei den Übernachtungen von rund 20% deutlich. Auf meiner Strecke habe ich von einem Zuwachs an Touristen nicht viel gemerkt, was aber zu der Hauptreisezeit im Juli und August anders ist. Dann reist der Tscheche gerne in die Region und auch Unterkünfte und Campingplätze solltet ihr dann besser vorher reservieren. 

Tipp: Entlang des Wanderwegs gibt es öffentliche Verkehrsmittel, die euch wenn nötig bequem zurück an euren Ausgangspunkt zurück bringen. 

Campen in der Zeitkapsel

Meine Nacht habe ich auf dem Campingplatz Na Stare Papirne in einem kleinen Bungalow mit Holzofen verbracht. Ich war einer der ersten Gäste der Saison und irgendwie scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Der Gastraum und das unaufgeräumte und verwaiste Kinderspielzimmer verströmen noch herrlich den Charme des Kommunismus, als für die Tschechen das Reisen in ferne Länder unmöglich war. Ich kann mir gut vorstellen, wie in den Monaten Juli und August hier die Kinder im Fluss schwimmen und alles voller Leben ist. Ganz ohne Leben sind meine Füße, die nach der langen Wanderung körpereigene Flüssigkeit-Polster entwickelt haben und meine zweite Etappe in das 12km entfernten Bechyně unmöglich machen. Ein Plan B muss her. 

Anschieben im Fluss und Super Slider

Wie es der Zufall will, ist eine Gruppe in Kanus unterwegs und ich kann meine letzte Etappe auf dem Wasser absolvieren. Morgens stechen wir in See, oder in den Fluss, um genau zu sein. Doch was wie ein Fluß aussieht, ist zu dieser Jahreszeit eher ein Abfluss und an sehr vielen Stellen so seicht, dass ich das ein oder andere Mal aussteigen muss, um unserem 2er-Kanu einen Anschub zu geben. Jan, der Leiter der Truppe, stellt sich vor Untiefen immer gekonnt in seinem Kanu auf und überblickt das Geschehen. Ich bleibe lieber sitzen und lasse das vereinzelte Kratzen der Steine am Rumpf über das Boot ergehen und treibe so die meiste Zeit gemütlich Stromabwärts bis nach Bechyně.
Vor Ort angekommen verabschiede ich mich schnell von meinen Begleitern und eile in einen Späti, um mit FlipFlops zu kaufen, damit ich überhaupt noch laufen kann. Die Späties in der Tschechischen Republik werden in der Regel von Asiaten betrieben und dort gibt es von Feuerzeugen über Backofenreiniger bis Flipflops alles, was man so bracht. Meine Slides (wie Badelatschen jetzt heißen) kosten umgerechnet sechs Euro und es steht groß Super drauf. Super schreien auch meine Füße, als sie endlich in den Dingern stecken und der Weichmacher lindert zusätzlichen den Schmerz. Zurück nach Tabor geht es dann mit der ersten elektrifizierten Eisenbahn Österreich-Ungarns aus dem Jahr 1903. Gezogen werden die Wagons von einer Lok mit dem Spitznamen „Krokodil“, die ein bisschen aussieht wie ein übergroßer PKW mit Kofferraum. Erst beim Aussteigen sehen ich, dass das Krokodil von Skoda ist, der großen Tschechischen Automobilmarke, die jetzt zu VW gehört. 

Im Zug nach Hamburg trinke ich ein letztes Bier und erfahre, dass es bis zur deutschen Grenze im Speisewagen alles zum halben Preis gibt. Zu spät, die „Happy Hour“, wie Insider sie nennen, kannten die vielen anderen Reisenden anscheinend auch schon und der Wagen ist komplett voll. So stehe ich in meinen Flipflops im Bistro und lasse die pittoreske Langschaft an mir vorbeifliegen.
Schön war es in Südböhmen und wer Urlaub abseits vom Massentourismus machen möchte, etwas Neues entdecken will, die Natur liebt und eine Prise Game-of-Thrones-Feeling in geschichtsträchtigen Altstädten mag, dem wird es in Südböhmen und der Region Toulava sehr gut gefallen. 

Infos über Südböhmen und der Region Toulava

www.visitczechrepublic.com

www.jiznicechy.cz/de

www.toulava.cz/de