Pitztal mit dem Camper: Erst wandern, dann Mario Kart

Pitztaler Gletscher
© Gerd Blank

Das Pitztal zeigt sich im Spätsommer von zwei Seiten. Unten ist es grün, still und angenehm unspektakulär. Oben bereitet sich der Gletscher bereits auf den Winter vor. Dazwischen liegen ein kleiner Campingplatz, zwei Gipfel, jede Menge Höhenmeter und vier Kilometer Schotterpiste auf drei Rädern.

Für unsere Tour durch Tirol und Südtirol haben Steffi und ich einen Van von Hobby übernommen. Das Fahrzeug ist 6,40 Meter lang, bietet reichlich Platz und verlangt in manchen Tiroler Dörfern trotzdem etwas Aufmerksamkeit. Vor allem dann, wenn das Navi eine Abzweigung erst ankündigt, wenn man praktisch schon daran vorbeigefahren ist. Unsere erste Station: das Pitztal.

Ein Campingplatz ohne großes Theater

Unser Basislager war das Mountain Camp in Jerzens. Der Platz ist klein, ruhig und angenehm unaufgeregt. Kein Campingresort mit Wellnesslandschaft und Animationsprogramm, sondern ein Platz für Menschen, die tagsüber etwas vorhaben und abends einfach gut stehen wollen.

Campingplatz Mountain Camp
© Gerd Blank

Neben uns zelteten ein paar Jungs aus Belgien, die jeden Morgen in Richtung Berge verschwanden. Gegenüber stand ein Paar mit Bulli und E-Bikes. Dazu kamen Wanderer und Radreisende, die meist nur kurze Zeit blieben. Das passte zum Mountain Camp. Der Platz ist weniger Reiseziel als guter Ausgangspunkt, denn viele der wichtigsten Attraktionen des Pitztals liegen nur wenige Fahrminuten entfernt.

Die Sanitäranlagen sind einfach und sauber. Der Duschraum ist genderneutral eingerichtet, geduscht wird in Einzelkabinen. Muss man mögen, funktioniert aber. Zum Platz gehört auch ein Restaurant, das während unseres Aufenthalts allerdings geschlossen war. Immerhin mussten wir morgens nicht auf frisches Brot verzichten: Brötchen lassen sich vorbestellen und werden zum Platz geliefert.

Wer vom Campingplatz direkt loswandern möchte, kann sich den Weg zum Stuibenwasserfall vornehmen. Der Weg startet praktisch vor der Tür. Für Übernachtungen im Pitztal wird eine Kurtaxe fällig. Praktisch ist der digitale Urlaubsbegleiter myPitztal. Nach der Anmeldung mit den Reisedaten hat man die Gästekarte auf dem Smartphone dabei und findet dort außerdem Informationen zu Wetter, Veranstaltungen, Restaurants und Ausflugszielen.

Zwei Gipfel, zwei Wanderstöcke und eine Portion Kasspätzle

Nach einer ruhigen Nacht wollten wir hinauf zum Hochzeiger. Der ursprüngliche Plan war einfach: mit der Gondel zur Mittelstation, anschließend mit der Sesselbahn weiter nach oben und von dort zum Gipfel. Pläne sind in den Bergen allerdings vor allem eine gute Grundlage für spontane Änderungen. Also fuhren wir stattdessen mit einer Doppelsesselbahn hinauf zum Sechszeiger.

Was für ein Ausblick aufs Pitztal © Gerd Blank

Von dort wanderten wir über die Kalbenalm hinunter zur Tanzalm. Spätestens beim Abstieg war ich froh, dass wir Wanderstöcke dabeihatten. Steffi war mit ihren Stöcken von Helinox unterwegs. Ich hatte die dabei, die mir mein Freund Martin einmal zum Geburtstag geschenkt hatte. Auch meine Wanderschuhe von Mammut mussten arbeiten. Einige Passagen waren ziemlich rutschig, ließen sich mit vernünftigem Schuhwerk aber gut bewältigen.

Über Stock und Stein / © Gerd Blank
Ton in Ton: Rucksack von Fjällräven, Wanderstöcke von Helinox / © Gerd Blank
Die Wanderschuhe von Mammut passen perfekt in die Umgebung / © Gerd Blank

In der Tanzalm wartete die Belohnung in jener Form, die in Tirol besonders zuverlässig funktioniert: Kasspätzle für die herzhafte Abteilung, Kaiserschmarrn für alles Weitere. Sehr viel klassischer lässt sich eine Wanderpause kaum gestalten.

Mario gegen Luigi auf der Schotterpiste

Warten auf den Startschuss / © Gerd Blank

Danach wurde aus dem Wandertag ein Renntag. An der Mittelstation liehen wir zwei Zirbencarts aus. Die geländegängigen Dreiräder werden mit der Achtersesselbahn Hochzeiger 2.5 zum Start gebracht. Von dort führt eine rund vier Kilometer lange Schotterstrecke zurück zur Mittelstation. Dazu muss man wissen, dass Steffi und ich zu Hause gern Mario-Spiele von Nintendo spielen. Sie nimmt immer Mario. Für mich bleibt Luigi. Die Rollen waren damit auch am Berg schnell verteilt.

Steffi hat Spaß bei Zirbencartfahrt
© Gerd Blank
Das Zirbeclart wird hochgebracht
© Gerd Blank
Vorbereitung für die Zirbenkartfahrt © Gerd Blank

Wir stürzten uns also in unser persönliches Mario-Kart-Rennen. Es ging nicht nur darum, wer schneller durch die Kurven driftet, sondern auch darum, wer dabei lauter juchzt. Vermutlich hatte Steffi bei beidem knapp die Nase vorn. Sicher bin ich nur bei einer Sache: Die Fahrt war so großartig, dass wir oben sofort eine zweite Runde buchten.

Diese Carts sehen zunächst ein wenig nach Kindergeburtstag aus. Sobald sie auf der Schotterpiste Fahrt aufnehmen, ist dieser Gedanke erledigt. Man sitzt tief, spürt jeden Stein und kann das Heck in den Kurven kontrolliert versetzen. Nach vier Kilometern kommt man mit Staub auf der Kleidung und einem ziemlich breiten Grinsen wieder an der Mittelstation an. Mit der Gondel ging es anschließend zurück ins Tal.

Kaffee auf 3.440 Metern

Am letzten Tag im Pitztal wollten wir noch einmal richtig hoch hinaus. Dabei erinnerte mich die Region ein wenig an Hamburg. Meine frühere Heimatstadt erzählt gern, sie habe mehr Brücken als Amsterdam, Venedig und London zusammen. Das Pitztal kontert mit dem höchsten Café und dem höchstgelegenen Standesamt Österreichs. Zum Glück sind Steffi und ich bereits verheiratet. Wir brauchten also keinen Termin, sondern nur Kaffee und Kuchen.

© Gerd Blank

Mit dem Gletscherexpress und der Wildspitzbahn ging es hinauf zum Café 3.440. Der Name ist keine kreative Verrenkung, sondern schlicht die Höhenangabe. Durch die große Glasfront blickt man direkt auf die Gletscherwelt rund um die Wildspitze. Bei guter Sicht reicht das Panorama weit über die umliegenden Gipfel. Wir konnten sogar die Zugspitze erkennen.

Café 3.440 am Pitztaler Gletscher
© Gerd Blank
Café 3.440 am Pitztaler Gletscher
© Gerd Blank
Café 3.440 am Pitztaler Gletscher
© Gerd Blank

Kulinarisch würde ich hier nicht zu viel erwarten. Es gibt Snacks, Kaffeespezialitäten und Kuchen. Der eigentliche Luxus ist ohnehin die Aussicht. Sie ist spektakulär und lässt sich am besten im Sitzen genießen. Das ist in dieser Höhe auch keine schlechte Idee. Wer 3.440 Meter nicht gewohnt ist, sollte langsamer gehen, sich Zeit lassen und auf den eigenen Körper hören. Für eine Pause gibt es kaum einen besseren Ort als dieses Café.

Ein stiller See vor dem Winter

Zurück an der Talstation wechselten wir fast direkt in die nächste Gondel. Die Rifflseebahn brachte uns auf gut 2.200 Meter Höhe. Dort liegt der Rifflsee, eingebettet zwischen kargen Hängen und hohen Gipfeln. Seine Farbe wechselt mit dem Licht zwischen tiefem Blau, Türkis und Grau. Wir gingen ein Stück am Ufer entlang und kehrten anschließend in der Rifflseehütte ein.

Der malerische Rifflsee im Pitztal
© Gerd Blank

Es ist ein eigenartiger Moment, ein Skigebiet kurz vor der Saison zu besuchen. Noch sind die Hänge nicht vollständig präpariert. Vielerorts liegen Steine und Geröll offen. Gleichzeitig läuft die Vorbereitung längst. Hubschrauber transportieren Ausrüstung und Baumaterial, Pistenraupen schieben bereits Schnee in Form. Alles wirkt gleichzeitig still und geschäftig. Ein paar Wochen später ist hier Winterbetrieb. Dann verschwinden manche Wege unter dem Schnee, Lifte laufen im Takt und auf den Hütten werden deutlich mehr Kasspätzle gebraucht. Kaum vorstellbar, wenn man zwischen Geröll und Baumaschinen steht. Und doch wiederholt sich dieses Schauspiel jedes Jahr.

Das Pitztal kann mehr als Winter

Der Tourismus prägt das Tal, doch längst geht es nicht mehr nur um die Skisaison. Wandern, Klettern, Rafting, Mountainbiken und Fahrten mit den Zirbencarts machen auch die Monate davor und danach interessant. Dazu kommen Hütten und Restaurants, die erfreulich oft vegetarische Gerichte anbieten. Unsere Campingküche blieb im Pitztal jedenfalls kalt.

Auch die Campingplätze stellen sich auf Gäste ein, die nicht nur im Hochsommer kommen. Das Mountain Camp ist ganzjährig geöffnet und eignet sich deshalb auch als Basis für einen Winterurlaub. Mit einem größeren Reisemobil sollte man bei der Anfahrt durch kleine Orte trotzdem aufmerksam bleiben. Unser Hobby-Van ist 6,40 Meter lang. Das ist noch gut handhabbar, wird in engen Gassen aber schnell interessant. Besonders dann, wenn das Navi mit seinen Hinweisen etwas spät dran ist. Nach mehreren Jahren mit dem Camper in Europa bringt mich eine Sackgasse allerdings nicht mehr aus der Ruhe.

Steffi und Gerd im Pitztal
© Gerd Blank

Das Pitztal ist ein feines Ziel für einen Wanderurlaub. Trotzdem stand für mich nach diesen Tagen fest, dass ich beim nächsten Mal im Winter kommen möchte. Ich konnte schon sehen, wie ich morgens die Pisten hinunterfahre, mittags auf einer Hütte sitze und abends müde in die Koje falle. Am nächsten Tag dann dasselbe noch einmal.

Bis dahin bleiben die Bilder dieser Reise: die schroffen Berge, das blaue Wasser des Rifflsees, der Blick vom Café 3.440 und Steffi, die als Mario auf drei Rädern vor mir über die Schotterpiste jagt. Luigi muss eben weiter trainieren.

Infos für die Reise

  • Camping: Mountain Camp Pitztal, Niederhof 206, 6474 Jerzens. Ganzjährig geöffnet, 38 Stellplätze sowie eine Zeltwiese. Restaurant und Brötchenservice vorhanden. Öffnungszeiten des Restaurants vorab prüfen.
  • Wandertipp ab Campingplatz: Stuibenwasserfall.
  • Hochzeiger: Gondel bis zur Mittelstation auf rund 2.000 Metern. Von dort fahren im Sommer die Doppelsesselbahn Sechszeiger und die Achtersesselbahn Hochzeiger 2.5.
  • Zirbencarts: Verleih an der Mittelstation. Die Strecke von der Bergstation Hochzeiger 2.5 zurück zur Mittelstation ist rund vier Kilometer lang. Ein Lichtbildausweis wird für den Verleih benötigt.
  • Café 3.440: Erreichbar mit Gletscherexpress und Wildspitzbahn. Betriebszeiten und Wetterlage unbedingt vor der Fahrt prüfen.
  • Rifflsee: Die Rifflseebahn startet in Mandarfen. Der See liegt auf 2.232 Metern. Für eine gemütliche Runde um den See sollte man ungefähr eine Stunde einplanen.
  • Gästekarte: Die digitale Pitztaler Gästekarte ist über myPitztal abrufbar.

Hinweis: Diese Reise fand im Rahmen einer Pressereise statt. Der Van wurde uns von Hobby als Testfahrzeug zur Verfügung gestellt.

Verlängertes Wochenende in Salzburg

Hey, ihr Lieben!

Manche Städte muss man nicht „entdecken“ – man muss sie einfach mal in Ruhe verstehen. Genau das ist mir an einem verlängerten Wochenende in Salzburg passiert. Ich war ja schon einige Male dort, hab die Altstadt fotografiert, den Blick von der Festung mitgenommen, den Mirabellgarten besucht – aber diesmal ging’s tiefer. Anlass war „Schützen, Bewahren, Leben: 30 Jahre Welterbe Salzburg“, und ich durfte hinter die Kulissen schauen: mit den Menschen sprechen, die dafür sorgen, dass diese Stadt nicht nur hübsch aussieht, sondern auch als UNESCO-Weltkulturerbe „lebt“. Nehmt euch einen Kaffee, das wird ein langer, aber richtig spannender Ausflug.

Wo schlafe ich? Zwischen Campingplatz und Altstadt-Boutique-Hotel

Salzburg ist genau die Art Stadt, in der die Unterkunft schon Teil des Erlebnisses ist – und ich zeig euch heute mal zwei komplett unterschiedliche Welten.

Für alle Camper unter euch: Der Camping Nord-Sam liegt rund 15 Kilometer außerhalb, direkt am Alpe-Adria-Radweg – perfekt, wenn ihr euer Fahrrad dabei habt und die Stadt lieber sportlich statt gestresst erreichen wollt. Der Platz startet 1958 auf einer einfachen Wiese und wird mittlerweile in dritter Generation geführt – das merkt man an der Gelassenheit vor Ort. In der Vor- und Nachsaison könnt ihr euch euren Stellplatz frei aussuchen, in der Hauptsaison wird zugewiesen. Ein Detail, das ich mag: zwischen 23 und 8 Uhr gibt’s keine Anreise und kein Parken vor der Rezeption – Nachtruhe wird hier wirklich ernst genommen.

Der Campingplatz Aigen sehr ruhiger Campingplatz am südlichen Rande von Salzburg, am Fuße des Gaisberges. Den Platz sucht ihr euch hier selber: „first come, first serve“. Der charmante Familienbetrieb mit persönlicher Betreuung hat zudem ein kleines Restaurant mit Österreichischen Spezialitäten und ins Zentrum sind es mit der Offis nur 30 Minuten.

Für alle, die mitten in der Altstadt wohnen wollen: Das Hotel Stein direkt am Giselakai. Und ehrlich – die Geschichte dieses Hauses hat mich fast mehr beeindruckt als jede Sightseeing-Tour.

Als aus einem Umbau plötzlich eine Rettungsaktion wurde

Das Grundstück liegt vorne im Schwemmkies der Salzach und hinten fest auf dem Kapuzinerberg verankert – schon baulich also eine Herausforderung. Die privaten Eigentümer (nicht aus Salzburg) wussten, dass eine Immobilie mitten im Weltkulturerbe kostspielig wird. Was sie nicht wussten: Bei der Sanierung fehlte jegliche Dokumentation der Vorbesitzer, und eine statische Analyse brachte den Schock – ab dem 5. Stock war das Haus nicht mehr sicher.

Die Lösung? Alle Beteiligten an einen Tisch, dann wurde ab dem 5. Stock zurückgebaut – während die historische Fassade stehen blieb. Für den Wiederaufbau stand acht Monate lang ein beheiztes Zelt im 7. Stock eingerüstet. Kein Kompromiss, dafür ein kleiner Vorteil: Die Decken konnten neu konstruiert werden, ohne die denkmalgeschützte Zimmerhöhe zu verändern. Die Dachterrasse wurde originalgetreu wieder aufgebaut, Fensterrahmen und Lampen im Stil der 50er-Jahre restauriert – Auflage des Denkmalamts. Sogar bei der Fassadenfarbe gibt’s Vorschriften: nur historische Farbtöne erlaubt, weshalb die Rückseite schon nach sieben Jahren neu gestrichen werden musste, weil die „richtigen“ Farben einfach weniger widerstandsfähig sind als moderne. Summe der ganzen Geschichte: 20 Millionen Euro Sanierungskosten für 56 Zimmer, 100 Betten, Adults only, eröffnet 2016.

Und das Highlight, für das sich der ganze Aufwand lohnt: die Dachterrasse, sieben Stockwerke über der Stadt, mit einem völlig unverbauten Blick auf die Altstadt. Früher hing hier die Wäsche der Bewohner, heute steht hier euer Kaffee (oder Aperitif) mit Postkartenblick auf Festung und Dom. Genau der Ort, an dem ich am liebsten mein Handy weggelegt und einfach nur geschaut habe.

Autofrei, kostenlos, im Umbruch: Salzburgs Stadtentwicklung

Kleiner Fun Fact, der mich überrascht hat: Ab September wird die Altstadt autofrei, weil das Festspielhaus umgebaut wird – und diese Regelung soll danach bestehen bleiben. Künftig dürfen nur noch Anwohner in der Altstadt parken. Und wenn ihr in der Stadt übernachtet, sind die öffentlichen Verkehrsmittel für euch kostenlos. Salzburg denkt hier klar in Richtung „Stadt für Menschen, nicht für Autos“ – und ich bin gespannt, wie sich das Stadtbild dadurch nochmal verändert.

Ist Weltkulturerbe eigentlich eine Ehre – oder eine Bürde?
Diese Frage hat mich das ganze Wochenende begleitet, und ehrlich: Eine einfache Antwort gibt’s nicht. Was ich gelernt habe: Die UNESCO vergibt den Titel nicht nur für schöne Fassaden. Salzburg erfüllt gleich drei Kriterien:

1. Fürsterzbischöfliche Residenzstadt – Salzburg war Jahrhunderte lang ein eigenständiges geistliches Fürstentum.
2. Tradition der Musik und Festspiele – von Mozart bis zu den Salzburger Festspielen.
3. Verbindung italienischer und deutscher Kultur – sichtbar an Architektur, Plätzen, Bürgerhäusern und der Festung, geprägt von italienischen Baumeistern und mitteleuropäischer Handwerkskunst.
Aber ein Titel allein reicht nicht. Die UNESCO besteht auf Partizipation – nur wenn die Bewohner selbst hinter dem Erbe stehen, funktioniert der Schutz langfristig. Und genau da wird’s für die Menschen vor Ort auch mal unbequem: strenge Farbvorgaben, aufwendige Sanierungen, Statik-Probleme wie im Hotel Stein. Ein schönes Wort hab ich dabei gelernt: der „Scharniegarten“ – „Scharni“ ist österreichisch für Diener, gemeint sind die Tische und Stühle, die die Geschäfte vor ihre Türen stellen und dort bedienen. Kleine Details wie dieses erzählen mehr über gelebte Stadtkultur als jede Hochglanzbroschüre.

Neu eröffnet: Das Salzburg Museum bei der Orangerie am Mirabellgarten

Im Mirabellgarten, direkt neben dem Salzburg Museum (das übrigens rund 1 Million Gäste pro Jahr zählt), wurde die Orangerie Salzburg Panorama, Welterbe komplett neu gestaltet. Früher war der Bau nahezu fensterlos und verschachtelt, damit Sonnenlicht die empfindliche Kunstsammlung nicht beschädigt – jetzt wurde er architektonisch neu erschlossen.

Herzstück ist das Sattler-Panorama von 1825: ein Rundgemälde von unfassbaren 25,5 Metern Länge, gemalt, bevor es überhaupt Fotografie gab (die kam erst 1826!). Acht Männer haben das Gemälde damals wie einen Teppich getragen, während die Familie Sattler durch Europa reiste – es ist das letzte erhaltene Reisepanorama seiner Art und wurde einst vom Sohn des Künstlers der Stadt geschenkt.

Zwei Fun Facts, die ich unbedingt mit euch teilen muss:
1. Die Restaurierung wurde crowdfinanziert – fast wie im Metaverse: Institutionen und Hausbesitzer konnten die Restaurierung der Darstellung „ihres“ Gebäudes im Panorama sichern und haben sind als Förderer am Eingang zu Erkennen.
2. Warum ist die Festung Hohensalzburg selbst nicht auf dem Panorama zu sehen? Weil der Künstler von genau dort aus gemalt hat!
Ergänzt wird das Panorama durch einen Multimedia-Raum, gestaltet vom „Ars Electronica Futurelab“, der als eine Art Forum erklärt, was Weltkulturerbe eigentlich bedeutet und wie der Schutzmechanismus funktioniert. Die aktuelle Sonderausstellung trägt den schönen Titel „Weltkulturerbe Salzburg: Wer kümmert sich um die Stadt?!“

Hoch hinaus: Festung Hohensalzburg

Über der Stadt thront die Festung Hohensalzburg – Baubeginn 1070, über Jahrhunderte unter den Fürsterzbischöfen immer weiter ausgebaut. Zwei Namen sind hier entscheidend: Leonhard von Keutschach, der die Festung massiv erweiterte, und Paris Lodron, der Salzburg dank kluger Befestigung unbeschadet durch den Dreißigjährigen Krieg brachte und nebenbei die Universität Salzburg gründete.

Bis Ende des 19. Jahrhunderts war Salzburg eine echte Festungsstadt mit streng reguliertem Zugang – bis heute finden Bauern im Umland gelegentlich Kanonenkugeln auf ihren Feldern. Und: Die Festung ist bis heute bewohnt. Übrigens kam Salzburg erst 1816 überhaupt zum österreichischen Reich – vorher war es, wie gesagt, ein eigenständiges Fürstentum.
Zu Fuß, mit der Bahn, oben ein Biergarten mit herrlichem Blick, den Fürstengemächern in irher restaurierten Pracht und zahlreiche Ausstellungen zur bewegten Geschichte der Festung.

Salzburger Festspiele: Wenn die ganze Stadt zur Bühne wird

Während der Festspiele verwandelt sich Salzburg komplett – der Klassiker „Jedermann“ wird traditionell direkt vor dem Dom inszeniert. Neben den kostenpflichtigen Aufführungen in den Spielstätten gibt’s überall in der Stadt auch kostenlose Veranstaltungen. Die ganze stadt wird am Eröffnungswochenende zu einer großen Bühne für Musik, Kultur und Kunst. Kleiner
Insider-Tipp: Auch für viele der kostenlosen Indoor-Events braucht ihr ein (Gratis-)Ticket, damit die Besucherströme geregelt bleiben – also rechtzeitig informieren, statt vor verschlossener Tür zu stehen.

Lohnt sich die Salzburg Card? Meine Beispielrechnung

Die Salzburg Card gibt’s für 24, 48 oder 72 Stunden, sie beinhaltet den einmaligen freien Eintritt zu praktisch allen wichtigen Sehenswürdigkeiten plus die komplette Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel, Festungsbahn und Salzach-Schiff. [Hier findet ihr alle Infos und aktuellen Preise. Rechnen wir das mal für einen ganz normalen Sightseeing-Tag durch, so wie ich ihn hatte (Werte gerundet, bitte auf der offiziellen Seite die tagesaktuellen Preise checken):
Programmpunkt (Einzelpreis ca.)
Festung Hohensalzburg inkl. Festungsbahn: 19,00 €
Salzburg Museum inkl. Orangerie/Panorama: 12,00 €
DomQuartier (Residenz, Dommuseum, Museum St. Peter): 15,00 €
3x Fahrten mit Bus/Obus: ca. 8,00 €
Salzach-Schifffahrt: ca. 19,00 €
Summe ohne Karte: rund 73,00 €
Salzburg Card 24h: ab 35,00 €

Der Blick über Salzburg von der Terrasse des M32

Sprich: Schon mit Festung, Museum und DomQuartier plus ein bisschen Herumfahren habt ihr die Karte locker „rausgeholt“ – von allen weiteren Vergünstigungen bei Konzerten, Theater oder Ausflugszielen mal ganz zu schweigen. Mein Tipp: nicht die Karte kaufen und dann nur ein Museum anschauen – sie lohnt sich vor allem, wenn ihr wirklich einen vollen Tag durchprogrammiert.

Essen wie ein Local

Semmerl of My Life, ganz am Anfang der Getreidegasse, ist mein neuer Fast-Food-Geheimtipp: erstklassige Leberkäs-Semmeln – „Leber vom Leib in dem er gegart wird, Kas vom Kasten“, hat also nichts mit Leber und Käse zu tun, wie man mir erklärt hat. Der Leberkäse kommt aus hochwertigem österreichischem Fleisch, es gibt aber auch vegetarische und vegane Versionen. Das Konzept steht schon seit dreieinhalb Jahren bei Großveranstaltungen im Einsatz, seit September 2025 gibt es das erste feste Geschäft in der Getreidegasse 47.
Für alle mit Interesse an nachhaltiger Mode: Das House of Talents bekämpft Leerstand in der Innenstadt mit temporären Konzepten für junge Labels. Aktuell zu Gast: ein T-Shirt-Label sowie „Dirndlfit„, ein Upcycling-Projekt für Dirndl von Patricia Fichtner, die seit 13 Jahren in der Dirndl-Branche unterwegs ist und seit anderthalb Jahren diesen Concept Store bespielt.

Hinter den Kulissen: das Salzburger Marionettentheater

Ein absolutes Highlight für mich – die Führung hinter den Kulissen des Salzburger Marionettentheaters, rund 30 Minuten lang. Ein paar Zahlen, die mich staunen ließen: Eine einzige Marionette braucht ca. einen Monat Produktionszeit. Licht und Ton machen die Puppenspieler komplett selbst, alles andere sowieso auch – sie sind ausgebildete Handwerker, die schnitzen, schneidern und mehr. Eine „normale“ Marionette hängt an 11 Fäden, das Kreuz der Spieler ist so klein wie eine Hand gebaut, damit mehrere Spieler eng nebeneinander arbeiten können. Ganz bewusst haben die Puppen keine Mimik – dafür können sie fliegen oder gleiten. Wie es so schön hieß: Die Puppe ist ein Spiegel der Fantasie des Betrachters. Zehn Mitarbeitende, alle Puppenspieler, und im Fundus warten für die Spielzeit rund „700 Puppen“.

Vorhang auf für eine Oper mit Marionetten

Ich hab mich ehrlich gefragt: Kann eine klassische Opern-Inszenierung mit Marionetten überhaupt funktionieren? Spoiler: Ja – und zwar richtig gut!
Schon der Saal selbst ist einen Besuch wert: herrlicher Stuck an den Wänden, dazu Schaukästen mit historischen Puppen, die die Geschichte des Hauses erzählen. Die Bühne ist rechteckig wie eine Kinoleinwand, und bevor es losgeht, dürft ihr live mitverfolgen, wie die Puppenspieler alle Bestandteile für das Stück aufbauen – erst dann fällt der Vorhang, und die eigentliche Vorstellung beginnt.

Ich hab mir Mozarts Zauberflöte – die Inszenierung feierte schon vor 70 Jahren Premiere, damals übrigens in Boston – angeschaut, in zwei Akten. Die Handlung wird in kurzen Texten an die Wände des Saals projiziert, sodass auch absolute Opern-Neulinge mühelos folgen können – kein Vorwissen nötig. Im ersten Akt war ich noch total fasziniert davon, wie die Marionetten bewegt werden, hab quasi jeden Faden mitverfolgt. Aber im zweiten Akt ist genau das Verrückte passiert: Meine Wahrnehmung hat sich komplett verschoben, und irgendwann hab ich schlicht vergessen, dass da überhaupt Marionetten auf der Bühne stehen. Ein wirklich magischer Abend, den ich so schnell nicht vergessen werde.

Wo Mozart wirklich spielte: die Residenz

Im Konferenzzimmer der Residenz spielte ein kleiner Wolfgang Amadé Mozart zum ersten Mal vor Publikum – begleitet von seinem Vater am Flügel, während auch seine ebenso hochbegabte Schwester vorspielte. Später komponierte Mozart gezielt für die Akustik genau dieses Raumes. Am Wochenende gibt’s dort die Konzertreihe „Date with Mozart“ (Sa & So, ca. 16 Uhr, rund 28 €, getestet wird gerade eine Vormittagsvorstellung am Wochenende um 11 Uhr).
Übrigens: Mozart komponierte für ein Hammerklavier bzw. Pianoforte – ein Instrument mit weniger Tasten als heute, bei dem die schwarzen Tasten unten und die weißen oben liegen und die Pedale mit den Knien bedient werden. Spannend fand ich auch, dass die Residenz heute genauso zeitgenössische Kunst zeigt (etwa von Tony Cragg) – ganz in der Tradition der Fürsterzbischöfe, die schon damals zeitgenössische Kunst förderten.

Auf dem Fluss: mit dem Salzachschiff

Zum Ausklang ging’s aufs Wasser, mit dem Schiff auf der Salzach – wegen niedrigem Wasserstand dauerte unsere Fahrt rund 30 Minuten, bei angenehmen 11 Grad Wassertemperatur (draußen sitzen kostet 4 € extra (drinnen Sitzen ist vollkommen ausreichend), mit Salzburg Card ist die Fahrt inklusive).
Fun Fact zum Schluss: Die Salzach verdankt ihren Namen dem Salz, das früher auf ihr transportiert wurde. Auf den schmalen Salzschiffen setzte man übrigens bewusst Nichtschwimmer ein – so war sichergestellt, dass mit den Booten besonders vorsichtig umgegangen wurde. Und zum Abschluss der Fahrt gibt’s ein kleines Spektakel: Das Schiff „tanzt“ einen Walzer auf dem Fluss. Ich bin ja recht seefest, aber bei dem Tanz musste ich mir einen referenzpunkt am Ufer suchen, um kein Mulmiges Gefühl im Magen zu bekommen.

Mein Fazit

Salzburg mit „UNESCO-Brille“ zu erleben, verändert den Blick auf die Stadt komplett. Hinter jeder hübschen Fassade steckt eine Entscheidung, ein Kompromiss, manchmal ein jahrelanger Kampf zwischen Bewahren und Modernisieren. Genau das macht diese Stadt für mich so viel spannender als „nur“ schöne Fotomotive. Wenn ihr selbst hinfahrt: Nehmt euch Zeit, kauft die Salzburg Card, wenn ihr wirklich viel sehen wollt, und schaut auch mal genauer hin – auf die Farbe einer Fassade, die Fäden einer Marionette, die Statik eines 500 Jahre alten Hauses.

Habt ihr Fragen zu meinem Trip oder Lust auf mehr Salzburg-Content? Dann schaut auch mal auf Instagram, dort habe ich eine Story nur zu Salzburg erstellt.

Hier geht es zur Folge „Ein Wochenende in Salzburg mit viel Kaffee“ in der wir über den Trip nach Salzburg sprechen.