Hobby Prestige Van 640 ET im Test: Zwei Zimmer, acht Gänge und sehr viele Schränke

Der Hobby Prestige Van First Edition 640 ET will ein Reisemobil für zwei sein, das sich auch auf langen Strecken und bei schlechtem Wetter nicht nach Verzicht anfühlt. Auf unserer Tour von Norddeutschland über das Pitztal und Lana bis an den nördlichen Gardasee musste der 6,36 Meter lange Kastenwagen zeigen, ob das mehr ist als ein schönes Versprechen.

Ein Fahrzeugtest beginnt selten dort, wo das Fahrzeug gebaut wurde. Den Hobby Prestige Van First Edition 640 ET holte ich allerdings direkt im Werk in Fockbek ab, ganz in der Nähe von Rendsburg. Bevor es auf die Straße ging, bekam ich noch eine Führung durch die Produktion. Ich konnte zusehen, wie Wohnwagen und Wohnmobile entstehen. Das war eindrucksvoll und hatte einen angenehmen Nebeneffekt: Nach der Besichtigung betrachtet man Schränke, Kabel, Leitungen und Wandverkleidungen mit etwas anderen Augen. Was später wie ein fertiger Raum wirkt, ist vorher ein ziemlich großes Puzzle.

© Gerd Blank

Unser Puzzle war bereits zusammengesetzt und wartete draußen auf seine erste große Reise. Lanzarote Grey, roter Akzentstreifen, 6,36 Meter lang. Das Ziel lag deutlich weiter südlich: erst das Pitztal, dann Lana in Südtirol und schließlich der nördliche Gardasee. Autobahn, Bergstraßen, enge Ortsdurchfahrten und Campingplätze. Also ziemlich genau das Programm, bei dem sich schnell zeigt, ob ein großer Kastenwagen nur auf dem Prospekt gut aussieht oder auch unterwegs funktioniert.

180 PS gegen die Alpen

Unter dem grauen Blech steckt ein Fiat Ducato mit 180 PS und Achtgang-Automatik. Das klingt für einen Camper zunächst nach reichlich Leistung. Auf dem Weg in die Alpen fühlt es sich vor allem passend an. Der Prestige Van ist kein Sportwagen, aber auch kein Fahrzeug, dem man an jeder Steigung gut zureden muss. Die Automatik nimmt viel Arbeit ab und sorgt dafür, dass man sich auf kurvigen Strecken auf die Straße konzentrieren kann, statt ständig den richtigen Gang zu suchen.

Natürlich schrumpft ein 6,36 Meter langer Kastenwagen nicht, nur weil der Motor kräftig ist. Auf schmalen Straßen bleibt er 2,05 Meter breit und in engen Kehren muss man vorausschauend fahren. Trotzdem ließ sich der Hobby erstaunlich entspannt durch die kurvigen Strecken in Österreich und Südtirol bewegen. Der Wendekreis ist für diese Fahrzeuggröße passabel, die Lenkung leichtgängig und die Sitzposition gibt einen guten Überblick.

© Gerd Blank

Beim Rangieren helfen die Rückfahrkamera und die Parksensoren. Zum Assistenzpaket gehören außerdem unter anderem ein automatisches Bremssystem mit Fußgängererkennung, Spurhalte- und Verkehrszeichenassistent, ein adaptiver Tempomat, ein Totwinkelassistent und eine Querbewegungserkennung. Das macht aus dem langen Van noch keinen Kleinwagen, nimmt ihm aber etwas von dem Respekt, den 6,36 Meter beim Blick in den Rückspiegel zunächst auslösen.

Bergab gilt trotzdem: 3,5 Tonnen bleiben 3,5 Tonnen. Die Automatik macht das Fahren bequemer, die Physik schaltet sie nicht aus. Wer frühzeitig Geschwindigkeit herausnimmt und vorausschauend fährt, kommt mit dem Ducato aber sehr angenehm durch die Berge. Auf den langen Autobahnetappen zeigt sich ohnehin die größte Stärke der Kombination aus kräftigem Motor und Automatik: Man kommt entspannt an.

Ein Van für Menschen mit Gepäck

Nach der Werksführung hatte ich bereits eine Ahnung davon, wie ernst Hobby das Thema Möbelbau nimmt. Im Alltag wurde daraus Gewissheit. Dieser Van hat Schränke. Sehr viele Schränke. Wahrscheinlich gibt es kleinere Wohnungen mit weniger Stauraum. Unter den Betten im Heck befinden sich mehrere Fächer und zwei Schubladenschränke. Ein Teil des Bettes lässt sich hochklappen, sodass im Mittelgang Platz für sperrige Ausrüstung oder sogar Fahrräder entsteht. Rund um den Schlafbereich hängen fünf weitere Schränke, im vorderen Teil geht es weiter. Jacken, Schuhe, Kabel, Campingzubehör, Lebensmittel: Für fast alles findet sich ein fester Platz. Das ist angenehm, weil ein aufgeräumter Kastenwagen sofort größer wirkt. Es ist allerdings auch eine Einladung, mehr mitzunehmen, als man braucht.

© Gerd Blank

Gerade deshalb sollte man die Zuladung im Blick behalten. Der Prestige Van bleibt in dieser Version bei 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht. Je nach Ausstattung kann die reale Reserve vergleichsweise knapp ausfallen. Zwei Menschen, Wasser, Gasflaschen, Gepäck und eventuell Fahrräder bringen Gewicht zusammen. Vor dem Kauf lohnt deshalb nicht nur der Blick in die Schränke, sondern auch in die konkreten Fahrzeugpapiere.

Das Schlafzimmer wird zum zweiten Zimmer

Im Heck liegen zwei Längsbetten. Eine Seite misst 2,01 Meter, die andere 1,82 Meter. Mit der Bettverbreiterung entsteht eine große Liegefläche. Das ist komfortabel und funktioniert auch für Menschen, die nachts nicht regungslos auf ihrer Hälfte liegen bleiben. Für uns war das Bett nicht nur zum Schlafen da. Steffi setzte sich tagsüber gern mit einem großen Rückenkissen, das wir von zu Hause mitgebracht hatten, bei geöffneter Hecktür dorthin und arbeitete. Vorne saß ich in der Sitzgruppe, hinten hatte sie ihren Platz. Plötzlich besaß unser Van zwei Zimmer. Nur der Flur dazwischen war etwas schmal.

Mit 6,40 Meter wird es manchmal eng © Gerd Blank

Die vielen Hängeschränke schaffen Stauraum, rücken aber naturgemäß nah an die Liegefläche. Wer im Bett gern aufrecht sitzt und liest, sollte das vor dem Kauf ausprobieren. Sehr große Menschen werden die 2,01 Meter lange Bettseite schätzen, müssen sich aber beim Aufrichten ein wenig mit den Schränken arrangieren. An den Fenstern sitzen zweiteilige Plissees für Verdunkelung und Insektenschutz. Das ist praktisch, wirkt aber nicht besonders robust. Im Schlafbereich befinden sich zwei davon an den Hecktüren direkt neben den Köpfen, weitere an den Seitenfenstern. Nachts kommt man schnell mit Kissen, Arm oder Schulter an den Stoff. Ob das auf Dauer gutgeht, wird sich zeigen. Ich hätte mir an dieser Stelle eine unempfindlichere Lösung gewünscht.

Die Sitzgruppe kann bleiben, der Tisch muss gehen

Vorne ist die Sitzgruppe angenehm großzügig. Die Bank ist relativ bequem, ihre Sitzposition lässt sich allerdings nicht verändern. Beide Vordersitze können gedreht werden. Ich sitze abends gern auf dem Beifahrersitz und lege die Füße auf den Fahrersitz. Das ist nicht unbedingt die Haltung, die man in einem Katalog fotografieren würde, aber eine sehr gute Art, einen Reisetag zu beenden. Der Tisch lässt sich durch ein herausdrehbares Element vergrößern. Das ist praktisch, wenn gegessen oder gearbeitet wird. Braucht man ihn gar nicht, wird es umständlicher. Er lässt sich nicht einfach wegklappen, sondern muss ausgehängt und an anderer Stelle verstaut werden. Bei uns landete er auf dem Bett. Das funktioniert, wirkt bei einem ansonsten so durchdachten Innenraum aber ein wenig wie eine nachträgliche Lösung.

Für die Fahrt sind vier Sitzplätze mit Gurten vorhanden. Der vordere Bereich kann außerdem zu einem zusätzlichen Schlafplatz umgebaut werden. In der Theorie macht das den Van flexibler, in der Praxis bleibt es ein Notbett. Für eine Nacht mit Besuch mag das gehen. Als regelmäßiger Schlafplatz für eine Familie wäre es mir zu umständlich und zu knapp.

Kleine Küche, großer Kühlschrank

Die Küchenzeile folgt dem klassischen Kastenwagen-Grundriss. Es gibt einen Zweiflammengasherd, eine Spüle und eine kleine ausklappbare Erweiterung der Arbeitsfläche. Trotzdem bleibt der Platz zum Schneiden, Abstellen und Vorbereiten begrenzt. Wer auf Reisen aufwendig kochen möchte, wird schnell anfangen, Deckel auf den Herd, Bretter auf die Spüle und Schüsseln auf den Tisch zu verteilen. Van-Küche eben. Beim Stauraum spart Hobby dagegen nicht. Drei große Schubladen und ein Hängeschrank nehmen Geschirr und Vorräte auf. Der 90-Liter-Kompressorkühlschrank sitzt angenehm hoch im Schrank. Darunter befindet sich noch ein weiteres Fach mit Kleiderstange. Das klingt zunächst wie eine ungewöhnliche Nachbarschaft, funktioniert aber erstaunlich gut.

© Gerd Blank

Kurz gesagt: Die Küche ist für Kaffee, Frühstück, Pasta und ein vernünftiges Abendessen völlig ausreichend. Wer im Urlaub täglich ein Drei-Gänge-Menü zubereiten möchte, sollte entweder sehr gut organisiert sein oder die riesige Markise herauskurbeln und nach draußen umziehen.

Ein erstaunlich brauchbares Bad

Kompaktbad klingt häufig nach einer freundlichen Umschreibung für einen Raum, in dem man beim Zähneputzen gleichzeitig drei Wände berührt. Im Prestige Van ist das Bad klein, aber clever eingerichtet. Die Toilette lässt sich zur Seite drehen. Beim Duschen wird sie mit einer ausziehbaren Kunststoffabdeckung geschützt. So entsteht mehr Bewegungsfreiheit, ohne dass eine sperrige Schwenkwand den halben Raum blockiert. Ein kleiner Hängeschrank nimmt die wichtigsten Hygieneartikel auf. Besonders gut gefällt mir die große Spiegelfläche. Darüber sitzen zwei weitere offene Fächer. Das Bad wird dadurch nicht zur Wellnessoase, aber es ist vollwertig nutzbar. Für einen Kastenwagen dieser Größe ist das entscheidend.

Zur Wintertauglichkeit tragen die Isolierung, die Gasheizung und der beheizte 90-Liter-Abwassertank bei. Auf unserer Tour wurden die Nächte bereits kühl. Im Wagen blieb es trotzdem so angenehm, dass wir die Heizung noch nicht einmal anschmeißen mussten. Das ist natürlich kein Wintertest bei zweistelligen Minusgraden, aber ein gutes Zeichen dafür, dass die Wärme nicht sofort durch jede Fuge verschwindet.

Viel Licht, zu wenig Schalter

Lampen gibt es im Hobby reichlich. Bei den Schaltern war man offenbar sparsamer. Im Eingangsbereich sitzt ein Schalter für die Beleuchtung im Fußraum. Die beiden Lampen über den Vordersitzen werden per Touch bedient. Das Bad hat einen eigenen Schalter, ebenso jede Bettseite. Für Küche und Sitzgruppe fehlt mir dagegen ein direkter Zugriff. Diese Leuchten werden über das Sieben-Zoll-Touchpanel oberhalb der Schiebetür gesteuert. Dort lässt sich auch ihre Helligkeit regeln. Das funktioniert, ist aber im Alltag unnötig umständlich. Wenn ich in der Küche kurz Licht brauche, möchte ich einen Schalter drücken und kein Menü öffnen.

Campingplatz Mountain Camp
© Gerd Blank

Das Panel selbst liefert einen guten Überblick über die Bordtechnik. Es zeigt unter anderem den Füllstand von Frisch- und Abwassertank sowie die Stromversorgung an und steuert verschiedene Funktionen im Wohnraum. Für Heizung und Warmwasser gibt es ein separates Bedienteil. Nach kurzer Eingewöhnung ist das verständlich. Nur die Aufteilung zwischen klassischen Schaltern und Bildschirm wirkt nicht an jeder Stelle zu Ende gedacht.

Steckdosen gibt es dafür dort, wo man sie braucht. 12 Volt, 230 Volt sowie USB-A und USB-C finden sich sowohl in der Sitzgruppe als auch im Schlafbereich. Das klingt nach einem Detail, ist auf einer Reise mit Telefonen, Kameras, Laptops und sonstiger Technik aber sehr schnell eines der wichtigsten Ausstattungsmerkmale.

Innen eher Yacht als Lieferwagen

Von außen bleibt der Prestige Van trotz grauer Lackierung und rotem Streifen ein Fiat Ducato. Innen gelingt Hobby der deutlich größere Schritt. Anthrazit trifft auf helles Grau, dazu kommen zurückhaltende Holzdetails. Der Kunststoffboden sieht aus wie Schiffsplanken. Hobby spricht vom Yacht-Stil. Das ist ein großes Wort für einen Kastenwagen, aber die Richtung stimmt. Vor allem wirkt der Innenraum ruhig. Es gibt keine wilden Muster, keine glänzenden Fronten und keinen Versuch, auf wenigen Quadratmetern möglichst viel Luxus zu simulieren. Die Farben halten sich zurück, die großen Schrankflächen schaffen optische Ordnung und das Panoramadach über dem Fahrerhaus bringt zusätzlich Licht in den vorderen Bereich. Das Raumgefühl hat mich überzeugt. Zu zweit standen wir uns nicht ständig im Weg. Wenn Steffi hinten arbeitete und ich vorn saß, fühlte sich der Van sogar erstaunlich großzügig an. Genau darin liegt seine Stärke: Er versucht nicht, auf 6,36 Metern ein Familienwohnmobil zu spielen. Er macht zwei Menschen das Reisen sehr angenehm.

Für wen der Hobby Prestige Van 640 ET passt

Der Prestige Van First Edition 640 ET ist ein Fahrzeug für Paare und Alleinreisende, die länger unterwegs sein wollen und dabei nicht jeden Abend ihr halbes Zuhause umbauen möchten. Die festen Betten, das brauchbare Bad, der große Stauraum und die vollständige Ausstattung machen ihn zum komfortablen Reisewagen. Der kräftige Motor und die Achtgang-Automatik passen zu langen Strecken und nehmen auch Alpenpässen einen Teil ihres Schreckens.

© Gerd Blank

Weniger gut passt er zu Familien. Vier Menschen dürfen mitfahren, aber regulär schlafen können nur zwei, optional kommt ein eher schmaler Zusatzplatz hinzu. Auch die Küche wäre mir für den dauerhaften Alltag mit mehreren Personen zu klein. Hinzu kommt die Zuladung, die bei voller Besatzung genau geprüft werden sollte. Einige Details nerven: der Tisch, der zum Verschwinden ausgehängt werden muss, die empfindlichen Plissees am Bett, die knappe Arbeitsfläche und die Lichtsteuerung über das Panel. Das sind keine Kleinigkeiten, die man im Alltag komplett vergisst. Sie ändern aber nichts am überzeugenden Gesamteindruck.

Ich mag diesen Wagen. Vor allem, weil er nicht nur beim Einsteigen gut aussieht, sondern unterwegs funktioniert. Er fährt sich trotz seiner Länge angenehm, bietet sehr viel Stauraum und schafft innen eine Atmosphäre, in der man sich auch an einem kalten oder verregneten Tag gern aufhält. Und wenn bei geöffneter Hecktür hinten gearbeitet wird, während vorn schon der Kaffee kocht, fühlt sich der Kastenwagen tatsächlich ein wenig wie eine kleine Wohnung an. Nur mit dem besseren Ausblick.

Die wichtigsten Daten

  • Modell: Hobby Prestige Van First Edition 640 ET, Modelljahr 2026
  • Basisfahrzeug: Fiat Ducato Light Chassis, Frontantrieb
  • Motor: 2,2-Liter-Diesel, 132 kW/180 PS
  • Getriebe: Achtgang-Automatik
  • Maße: 6,36 m lang, 2,05 m breit, 2,67 m hoch
  • Innenhöhe: 1,90 m
  • Zulässiges Gesamtgewicht: 3.500 kg
  • Sitzplätze mit Gurt: 4
  • Schlafplätze: 2, optional 1 zusätzlicher Not-Schlafplatz
  • Heckbett: Längsbetten mit 2,01 beziehungsweise 1,82 m Länge, mit Bettverbreiterung bis 1,87 m breit
  • Kühlschrank: 90 Liter, davon 9 Liter Gefrierfach
  • Frischwasser: 95 Liter
  • Abwasser: 90 Liter, beheizt
  • Gas: Auszug für zwei 11-kg-Flaschen
  • Bordbatterie: 95 Ah
  • First-Edition-Ausstattung unter anderem: Panoramadach, Ambientebeleuchtung, Sieben-Zoll-Touchpanel, Dometic 2-in-1-Kombiladegerät, Dometic-Verdunkelung für das Fahrerhaus, Dachmarkise, Voll-LED-Scheinwerfer, Lounge-Paket und Fahrassistenzsysteme
  • Geeignet für: Paare und Alleinreisende, auch für Wintercamping ausgelegt

Hinweis zur Zuladung: Die konkrete fahrbereite Masse hängt von Sonderausstattung und Zubehör ab. Vor dem Kauf sollte deshalb die tatsächliche Zuladungsreserve des einzelnen Fahrzeugs geprüft werden.

Transparenzhinweis: Hobby hat uns den Prestige Van First Edition 640 ET für diese Reise zur Verfügung gestellt.

Ford Nugget im Test: Viel Platz in kleiner Hütte

Eine kurzfristige Planänderung machte aus der Radreise durch Fyn eine Tour mit Van und E-Bike. Was zunächst nach einer Notlösung klang, erwies sich ziemlich schnell als Glücksfall. Denn der Ford Nugget konnte nicht nur Fahrrad, Gepäck und Anhänger schlucken. Er passte auch erstaunlich gut zu dieser Reise.

Lies weiter

Campervan-Test: Der Ford Nugget als Festival-Mobil

Ein Sommer, vier Reifen und fünf Festivals: In diesem Jahr ging es für Gerd in einem Ford Nugget auf die Äcker des Landes. So schlägt sich der Campervan bei widrigen Wetterbedingungen, schlechten Bodenverhältnissen und lautem Umfeld.

Manchmal entwickle ich unter der Dusche Ideen. So auch Anfang des Jahres, als mir nach einer kurzen Nacht kaltes Wasser über den Kopf lief. „Das ist ja wie auf einem Festival“, dachte ich und musste grinsen. Denn ich hatte wieder einmal Lust auf ein Wochenende voller Musik, wenig Schlaf und vor allem auf Camping mit Gleichgesinnten und guten Gesprächen. Festivals sind für mich eine Parallelwelt. Hier kann ich dem Alltag für eine Weile entfliehen. Ich lerne jedes Mal nette Menschen kennen, mit denen ich ein paar Stunden oder sogar mehrere Tage eine gute Zeit verbringe. Aber weil ein Festival auch immer ziemlich anstrengend ist, hatte ich mir nach dem letzten Mal geschworen, dass ich mir das nicht mehr antun möchte. Doch was kümmert mich mein Geschwätz vom letzten Jahr? Je mehr ich über Festivals nachdachte, desto größer wurde mein Hunger darauf. Da kam mir eine verrückte Idee: Warum nur ein Festival? Ich könnte endlich meinen alten Traum erfüllen und mehrere Musik-Events besuchen. Nur eine Sache stand für mich fest: Auf keinen Fall würde ich auf drei oder mehr Festivals zelten. Das hat nicht nur mit den Wetterbedingungen zu tun. Ich möchte komfortabel reisen, privates und berufliches Gepäck sicher verstauen, Nahrungsmittel kühlen und ein bisschen Hygiene sollte auch möglich sein. Da mein Camper im vergangenen Jahr gestohlen wurde und ich noch keinen Ersatz habe, war ich auf der Suche nach einer Alternative. Und bei Ford habe ich ihn gefunden.

Wie erzählt man einem Unternehmen, dass man eine tolle Idee hat und dafür Unterstützung benötigt? Ich habe es so probiert: „Hey, ich möchte ein paar Wochen auf Festivals fahren und brauche etwas, um meine Getränke zu kühlen. Es wird wahrscheinlich sehr matschig werden, und die Festivals werden garantiert Spuren hinterlassen.“ Mein Glück war, dass der Ansprechpartner selbst gerne mit dem Camper unterwegs ist und viele Festivals besucht. Ich musste gar nicht viel erklären. „Wann geht’s los? Wie lange willst du bleiben? Ich bin ganz schön neidisch!“, waren seine Antworten. Kurze Zeit später drückte er mir den Schlüssel für einen neuen Ford Nugget in die Hand.

Kleiner Wagen, großer Kompromiss

Campervans sind stets ein Kompromiss aus Größe, Preis und Komfort. Die Hersteller versuchen, in ein möglichst mobiles Fahrzeug viele praktische Dinge zu integrieren. Die wichtigsten Fragen sind dabei immer: Wo und wie schläft man? Was kann man mitnehmen? Wie sieht es mit Kochen und Waschen aus? Vans wie der Nugget sind von der Größe her limitiert. Der Vorteil: Er fährt sich im Straßenverkehr wie ein Pkw, Parkplätze sind kein Problem und auf Reisen kann man damit häufig Plätze nutzen, die für größere Fahrzeuge gesperrt sind. Ein Nachteil ist das Raumangebot. Oft muss man sich zwischen möglichst viel Gepäck oder möglichst viel Komfort entscheiden. Niemand möchte im Urlaub täglich zweimal Dinge hin- und hertragen, nur um einen Sitzplatz freizuräumen oder einen Kaffee zu kochen. 

Das Nugget-Konzept versucht, viele Wünsche zu berücksichtigen. Mit einer Länge von 5,05 Metern passt es auf jeden Parkplatz. Der Fahrgastraum bietet Platz für fünf Personen: zwei vorne und drei auf der Rückbank. Die Rückbank lässt sich zu einem Schlafplatz für zwei Personen umbauen. Der Clou und zugleich das Alleinstellungsmerkmal ist die Küche im Heck: Trotz der geringen Abmessungen befindet sich im hinteren Teil eine vollwertige Küche mit Schubladen-Kühlschrank, Zweiflammenherd und Spülbecken. Zusätzlich gibt es Schränke für Lebensmittel und Kleidung. Selbst für eine Trenntoilette ist Platz – ich hatte mich für die Trelino Origin XS entschieden.

Fünf Festivals to go

Diesmal geht es mit allem Komfort zu den Festivals. Auf dem Programm stehen das Hurricane Festival in Scheeßel, das Deichbrand-Festival bei Cuxhaven und das Roskilde Festival in der Nähe von Kopenhagen. Anschließend schaue ich noch auf dem Dockville-Festival in Hamburg vorbei und beende die Tour auf dem Vanlife-Ferropolis, wo ich mit Henning sogar auf der Bühne stehe. Bevor ich losfahre, werfe ich einen kurzen Blick auf die Technik und Ausstattung des Ford Nugget. Es handelt sich um das Titanium-Modell mit kurzem Radstand. Es gibt auch noch die Active-Variante mit anderen Design-Details, die Motorisierung ist allerdings identisch. Zur Wahl stehen Automatik und Gangschaltung, sogar eine Allrad-Option ist verfügbar. Wer die Version mit langem Radstand (L2) wählt, hat 40 cm mehr Platz. Das zeigt sich vor allem im Heck: Der Stehbereich ist größer und es gibt mehr Staufläche dank zusätzlicher Schränke.

Im Aufstelldach befindet sich das Bett. Hierzu wird die manuelle Verriegelung oberhalb der Deckklappe geöffnet und das Dach wird einfach nach oben gedrückt. Das Bett ist etwa 200 × 130 cm groß und bietet genug Platz für zwei Personen. Allerdings braucht man etwas Übung, um zu zweit darin zu schlafen und ins Bett zu gehen. Eine Leiter wird im Seitenschrank eingehängt und dient als Zugang zur Küchenzeile.

Alternativ kann man, wie ich, die Trenntoilette als Trittstufe nutzen. Das Bett ist relativ bequem. Das Kopfteil lässt sich etwas aufrichten, im Fußteil fehlt die Polsterung. Praktisch ist die angebrachte Beleuchtung an der Decke. Auf dem Seitenschrank gibt es außerdem eine Möglichkeit, ein Smartphone kabellos aufzuladen. Wenn man das Bett nicht braucht, kann man es hochdrücken und mit zwei Halterungen am Dach befestigen. So kann selbst ich mit meinen 193 cm im Fahrzeug stehen und mich relativ frei bewegen.

Platz ist in der kleinsten Hütte

Selbstverständlich habe ich die Festivals auch dazu genutzt, meine Campingausrüstung zu testen. Diese musste ich im Fahrzeug unterbringen und sicher verstauen. Außerdem galt es, genügend Vorräte für jeweils vier bis fünf Tage mitzunehmen, inklusive Getränke. Außerdem mussten meine Klamotten mit, eine Mischung aus sommerlicher Kleidung und Regenschutz. Hier zeigt sich dann doch, dass es sich um ein kleines Fahrzeug handelt. Technik wie Stromkabel passt gut unter dem Sitz im Wohnraum. Nahrungsmittel und Getränke habe ich unter der Spüle platziert. Der 33 Liter fassende Kühlschrank bietet genug Platz für Butter, Käse, Gemüse und weitere verderbliche Leckereien. Meine Kleidung konnte ich größtenteils im seitlichen Schrank unterbringen. Damit war jeder Platz genutzt. Ein großer Lautsprecher fuhr in der Küche mit. Eine Powerstation und eine größere Lampe musste ich dagegen vor der Rückbank auf dem Boden platzieren. Alles Weitere packte ich in eine Kiste, die ich während des Festivals auf den Fahrersitz stellte. Man muss schon Ordnung lieben und jeden Tag dafür sorgen, alles wieder an seinen Platz zu packen. Das funktioniert im Nugget alleine hervorragend, zu zweit ist es umständlicher, da immer jemand dem anderen im Weg steht. Glücklicherweise ist man ohnehin nur bei schlechtem Wetter im Wagen, da Festivals Outdoor-Events sind.

Die meisten Festivals finden auf eigentlich landwirtschaftlich genutzten Flächen statt. Die Stellplätze befinden sich also auf einem Acker. Der Boden ist uneben und häufig weich. Ich hatte ein bisschen Sorge, ob ich mit dem Nugget geradestehe oder gar im matschigen Untergrund steckenbleiben könnte. Auf dem Stoppelfeld des Hurricane Festivals sprangen bei meiner Platzsuche tatsächlich die Sensoren an und gaben ein paar Warnsignale zu möglichen Hindernissen. Aber meine Sorge war unbegründet. Der starke 170-PS-Motor und das Automatikgetriebe mit acht Gängen hatten keinerlei Probleme abseits der regulären Wege. 

Ohne Strom nichts los

Auf Festivals gibt es nur selten Plätze mit Stromanschluss. Dabei müssen nicht nur Getränke und Nahrungsmittel gekühlt werden, sondern auch mein Arbeitsgerät braucht Energie. Die Bordbatterie des Nugget versorgt vor allem den Kühlschrank mit Strom. Auch die Beleuchtung, die Spüle, die Außendusche, die Zündung des Kochers und die diversen USB-C-Anschlüsse werden von der Batterie mit Strom versorgt. Es gibt auch zwei klassische Steckdosen an Bord, allerdings keinen Wechselrichter, um 12 Volt in 220 Volt umzuwandeln. Eine Kaffeemaschine kann also nur bei externer Stromzufuhr betrieben werden. Ein Solarpanel ist ebenfalls nicht auf dem Dach montiert und es gibt auch keinen Außenanschluss für das Solarpanel, das ich für die Powerstation mitgenommen habe. Ich muss also während des Festivals mit dem Strom haushalten. Den Kühlschrank habe ich auf die kleinste Stufe gestellt, was absolut ausgereicht hat. Die Spüle habe ich nur zum Abwaschen und Händewaschen genutzt, sodass die 33 Liter des Wassertanks mehrere Tage reichten. Die Beleuchtung habe ich selten genutzt, da ich Akku-Lampen dabei hatte.

Lediglich mein Smartphone habe ich ab und zu aufgeladen. So reichte der Strom der Bordbatterie drei Tage lang. Das war überraschend lang, aber dennoch zu kurz für ein komplettes Festival. Meine Lösung, um mehr Strom zu erhalten, war sicher nicht perfekt: Ich habe den Motor des Wagens eine Stunde lang laufen lassen und anschließend meine Powerstation an die Außensteckdose angeschlossen. So hatte ich für die letzten beiden Tage genug Strom für den Kühlschrank. Wäre es mein Wagen, hätte ich nach dieser Erfahrung einen Außenanschluss für ein Solarpanel verbaut.

Apps und andere Funktionen

Besonders praktisch finde ich die Nutzung der zusätzlichen Apps. Mit FordPass kann ich beispielsweise den Status des Nugget überprüfen, die Türen öffnen und schließen, den Standort des Fahrzeugs anzeigen und sogar den Motor starten. Mit „CamperControl” kann ich wiederum die Beleuchtung im Innenraum regeln oder überprüfen, ob das Fahrzeug gerade steht. Noch komfortabler wird die Bedienung der vielen Funktionen über den großen Touchscreen im Heck. Besonders viel Spaß hat es mir gemacht, die Beleuchtung zu justieren. Neben der Helligkeit lassen sich auch die Farbwerte der gesamten Innenbeleuchtung einstellen. So habe ich den Wagen häufig in ein Diskomobil verwandelt: rotes Licht im Heck, grün und blau im vorderen Bereich. Lediglich ein Pulsieren im Takt der Musik fehlt noch – aber vielleicht ist das ja eine Idee fürs nächste Software-Update.

Beim ersten Festival hatte ich noch einen Pavillon von Dometic dabei. Aber der Wagen hat eine große und gute Markise an der Seite. Die Beine lassen sich zudem mit Erdnägeln befestigen. Auch Campingstühle muss man nicht mitschleppen, da in der Heckklappe zwei ziemlich bequeme Stühle integriert sind. In der Schiebetür ist ein Tisch mit Klappbeinen integriert, der sehr stabil ist, wenn er aufgebaut ist. Auch wenn mir Stühle, Markise und Tisch vielleicht nicht unbedingt gefallen, sind sie schlicht und praktisch. Und jedes Teil, das ich nicht extra mitnehmen muss, spart Platz im Fahrzeug.

Die Ausstattung ist nicht speziell für Festivals optimiert, sondern eher für einen Kurztrip an die See oder in die Berge. So schirmt das Dachzelt beispielsweise keinen Lärm ab, weshalb sich empfindliche Schläfer einen Gehörschutz einstecken sollten. Allerdings schläft man selbst bei schlechtem Wetter mit Wind und Regen gut und trocken. Ich mag die kurze Bauform des Nugget sehr, wenn ich alleine unterwegs bin. Zu zweit wäre die längere Variante wahrscheinlich angenehmer, vor allem bei längeren Touren. Da ich alleine oder mit meiner Frau auf den Festivals war, diente das Dachzelt als Schlafplatz. Wenn ein Freund mitgekommen wäre, hätte es mich genervt, dass ich für die Nacht das untere Bett aufbauen und tagsüber wieder Platz im Innenraum schaffen musste. 

Küchenparty unter der Heckklappe

Insgesamt ist der Wagen ein hervorragender Festivalbegleiter. Ich habe den großzügigen Platz im Innenraum sehr genossen, als ich mit Freunden einen Drink nehmen wollte, es draußen aber zu kalt wurde. Die Küche ist im hinteren Teil perfekt positioniert und der Kühlschrank ist groß genug für ein verlängertes Wochenende. Dank der Heckklappe ist man auch bei leichtem Regen gut geschützt. Auf einem Festival haben wir darunter eine Küchenparty gefeiert. 

Dennoch würde ich den Nugget nicht nur für Festivals nutzen. Für mich ist er ein Campervan für alle Gelegenheiten. Ich war damit sowohl in großen Städten als auch auf dem Land unterwegs. Ich war auf Stellplätzen am Meer und in den Bergen. Für ein Wochenende reicht der Strom, wer länger unterwegs ist, muss leider immer wieder extern nachladen, da der Akku noch recht schmal bemessen ist. Der Frischwassertank mit 33 Litern ist dagegen ausreichend groß. Überrascht hat mich, wie viel Zeug in die Schränke passt, wenn man etwas Ordnung hält.

Die Oberflächen sind etwas empfindlich, denn man sieht sofort jeden Fleck und jeden Dreck. Ich habe deshalb sehr häufig Wischlappen, Handfeger und Schaufel in die Hand genommen, um den cleanen Look zu bewahren. Schlafen im Zelt ist sicher nicht jedermanns Sache, aber mir gefällt es gut. Und während andere Hersteller ein vollautomatisches Aufstelldach anbieten, gefällt mir, dass das Aufstelldach des Nugget von Hand hochgedrückt und heruntergezogen wird. Für alle, denen Zelten nicht zusagt: Inzwischen kann man auch eine Variante mit festem Hochdach ordern. Dann entfällt der Aufbau, man hat mehr Platz für Gepäck, Wintercamping ist möglich und beim Schlafen bleibt der Lärm draußen. Vielleicht ein Modell für den nächsten Festival-Sommer?

Ich muss mal eben bei Ford anrufen …