
Wie man mit einem Campingvan, einem E-Bike, einem verregneten Montag und dem unbedingten Willen zum Umweg die schönste Insel Dänemarks entdeckt — und dabei feststellt, dass Hygge keine Marketingerfindung ist, sondern einfach passiert.
Eigentlich hätten wir mit dem Fahrrad fahren sollen. Das war der Plan: Steffi und ich, zwei Räder, Zelt, die Herrenhausroute, zwei Wochen Fyn. Keine Kompromisse, dafür viel Wind und vermutlich noch mehr Beinmuskeln.
Dann kam Bad Kissingen.
Mein Kunde brauchte mich auf der „Abenteuer und Allrad“-Messe und der Termin ließ sich nicht verschieben. Plötzlich war das Timing der geplanten Radtour nicht mehr zu halten. Wer schon einmal versucht hat, eine sorgfältig geplante Fahrradreise in letzter Sekunde umzuschreiben, weiß: Entweder man bleibt in solchen Momenten gelassen, oder man fährt eben mit dem Van. Wir fuhren mit dem Van. Genauer gesagt mit einem Ford Nugget, einem Campervan, der dank der Heckküche den Charme eines bewohnbaren Kühlschranks hat. Mit dem Vorteil, dass man darin schlafen kann, auch wenn es draußen in Strömen regnet. Das kam in der ersten Woche unserer Reise regelmäßig vor.


© Gerd Blank / Campermen
Das „Lil‘ Buddy“ von Ruff Cycles hatte mitsamt Anhänger zwischen Rückbank und Vordersitz Platz gefunden, was mich selbst überrascht hatte. So wurden aus zwei Radreisenden ein Paar, das kreuz und quer über Fyn zog: schneller als geplant, spontaner als gedacht. Die Sache hatte zudem einen entscheidenden Vorteil: Ich konnte einzelne Etappen nach wie vor mit dem Fahrrad zurücklegen, während Steffi – zugegebenermaßen mit gewissem Amüsement – den Van navigierte.
Das hätte auch schiefgehen können. Ist es nicht.
Fyn, kurz erklärt
Wer Fyn (Fünen) nicht wirklich kennt, sondern bisher höchstens auf der Durchreise passiert hat, dem entgeht etwas: Dänemarks drittgrößte Insel liegt im Herzen des Landes und wird von den Dänen selbst „der Garten Dänemarks” genannt. Das klingt nach einem Fremdenverkehrsprospekt, ist aber trotzdem wahr. Es gibt sanfte Hügel, fruchtbare Felder, 1.100 Kilometer Küstenlinie, 37 Häfen und über 50 umliegende Inseln, die alle so tun, als hätten sie die Zeit um 1970 eingefroren. Und dann sind da noch die 123 Schlösser und Herrenhäuser – mehr als irgendwo sonst in ganz Skandinavien.
Man muss sich das kurz vorstellen: 123. In einer Gegend, die flächenmäßig etwa dem Saarland entspricht.
Außerdem ist Fyn der Geburtsort von Hans Christian Andersen. Noch heute ist die Insel von einer leichten Märchenhaftigkeit geprägt. Diese ist nicht aufgesetzt. Sie ist in der Landschaft präsent, in den Kopfsteinpflasterstraßen der kleinen Marktstädte, in den Hofläden. Man kann beim Radfahren gar nicht überall anhalten, weil man sonst nie ans Ziel kommt. Und immer wieder hat man märchenhafte Begegnungen mit den besonderen Menschen hier, den Fynboern, wie sich die Einheimischen selbst nennen, die eine Herzlichkeit ausstrahlen. An anderen Orten wäre man sich nie sicher ist, ob sie echt oder erlernt ist. Auf Fünen ist sie echt.
Middelfart und der Mut zur Brücke
Wer von Lüneburg aus nach Fyn fährt, überquert früher oder später den Lillebælt, die Meerenge zwischen Jütland und der Insel. Die neue Brücke ist effizient, aber unspektakulär. Die alte Brücke dagegen, die Lillebæltsbro, ist ein anderes Kaliber: Sie wurde zwischen 1925 und 1935 gebaut und am 14. Mai 1935 in Anwesenheit des Königs eingeweiht. Der reiste damals auf der königlichen Yacht „Dannebrog” und brachte 50.000 Schaulustige. Wir fahren mit dem Van zum Parkplatz des Bridgewalking Lillebælt und bringen ein E-Bike mit. Großartig: Hier gibt es auch eine kleine Station, bei der man den Akku des Rades kostenlos aufladen kann. Passende Adapter für fast jedes Model befinden sich am Gerät. Während das Lil‘ Buddy lädt, gehen wir zur Brücke.



© Gerd Blank // Campermen
Der Clou: Man kann auf ihr laufen. Nicht über, sondern auf ihr. Oben. 60 Meter über dem Wasser läuft man auf dem Wartungssteg der Stahlkonstruktion. Man ist gesichert und geführt und hat das sehr reale Gefühl unter den Füßen, wenn ein Güterzug die Brücke passiert und die gesamten 305.000 Tonnen Stahl und Beton sachte zu schwingen beginnen. Das Bridgewalking Lillebælt ist der einzige Ort in Europa, an dem dies möglich ist. Weltweit gibt es nur zwei oder drei vergleichbare Angebote. Zum Beispiel in Brisbane, wo Henning und ich auf der Story Bridge die nächtliche Skyline genießen durften.
Es ist ein guter Anfang für eine Reise: einmal kurz daran erinnert werden, dass Höhe relativ ist und der Lillebælt unter einem ziemlich blau leuchtet, dann weiterzufahren. Middelfart hält noch mehr bereit. Da ist zum Beispiel das herrliche Keramikmuseum Clay, ein altes Herrenhaus mit moderner Architektur aufgepumpt und direkt am Wasser gelegen. Auch ein Spaziergang durch den Park von Hindsgavl Slot lohnt sich. Aber es ist vor allem diese Brücke, die bleibt. Na gut, wahrscheinlich auch die Rumkugeln von Bak’s Bakery, die kleinen runden Botschafter dänischer Backkunst, die einen weiten Ruf über Middelfart hinaus genießen und das auch verdienen.
Camp Hverringe und die Herrenhausroute
Die Herrenhausroute, auf Dänisch Herregårdsruten, ist das Rückgrat unserer Reise, zumindest gedanklich. Sie ist 660 Kilometer lang, unterteilt in 14 Etappen, und führt über Fyn, Langeland und Ærø. Der Name leitet sich von den Schlössern und Herrenhäusern entlang der Strecke ab, von denen es, wie man sich erinnert, 123 gibt. Die Route wurde bewusst so angelegt, dass man Umwege macht, an Küsten entlangfährt, Hofläden entdeckt, die nicht im Reiseführer stehen, und kleine Häfen besucht, in denen keine Touristen erwartet werden und man deshalb besonders freundlich empfangen wird.
Von unserem Stellplatz des schönen Platzes Camp Hverringe auf der Halbinsel bei Dalby, mitten in einer der ruhigsten Ecken Fyns, am Ende einer Straße, die niemand ohne Absicht befährt, startete ich eine dieser Etappen auf dem Rad. Etwa 18 Kilometer bis Kerteminde, immer den Schildern nach. Der Platz selbst liegt auf Etappe 1 der Herrenhausroute. Das hat eine gewisse Konsequenz, wenn man morgens mit dem Kaffeebecher in der Hand auf die Landschaft schaut und merkt, dass man eigentlich schon mitten in der Strecke ist.
Kerteminde, das Ziel dieser Etappe, ist eine dieser Küstenstädte, in denen man eigentlich nur zwei Stunden bleiben wollte, dann aber vier Stunden bleibt. Gleich nebenan befindet sich das Wikingermuseum Ladby, in dem sich Dänemarks einziges erhaltenes Wikingerschiffsgrab befindet. In dem Hügel wurde ein Wikingerfürst mitsamt seinem Kriegsschiff, zwölf Pferden und einigen Hunden bestattet, was damals als angemessene Ausstattung für das Jenseits galt. In der Stadtmitte befindet sich zudem der SuperBrugsen, dessen Bierabteilung ich an dieser Stelle ausdrücklich empfehlen möchte: Midtfyns Bryghus, Ærø Bryggeri, Bryggeri Vestfyn. Übrigens liegt man völlig richtig, wenn man denkt, Dänemark sei ein IPA-Land, und man gewöhnt sich daran.


Das Fjord & Bælt in Kerteminde ist ein Meeresforschungszentrum, das nach einem großen Umbau kürzlich neu eröffnet wurde. Dort ist der Meeresbiologe Heiko Buch-Illing, gebürtiger Schleswig-Holsteiner, FC-St.-Pauli-Fan und Festival-Gänger verantwortlich. Die Kombination aus Wissen, Humor und norddeutschem Schnack ist grandios., Und auf unsere Fragen zu Schweinswale, Seehunde, Schall und das Hören unter Wasser antwortet er auf eine Weise, die deutlich macht, dass man über das Meer weniger weiß als über die Rückseite des Mondes. Eine Einschätzung, die Heiko, wie ich später erfahre, übrigens teilt. Wir durften auch bei einer Fütterung der Wale und Seehunde dabei sein. Wenn es nach Steffi gegangen wäre, hätten wir den ganzen Tag bleiben können. Aber wir mussten weiter.






Denn ebenfalls in der Gegend wartete Christian Thomsen auf uns, um uns auf einer Angeltour das Projekt Havørred Fyn — Meerforelle Fyn vorzustellen. Fyn gilt als eines der besten Reviere Europas für die legendäre Meerforelle, auch „Fisch der 1.000 Würfe” genannt. Hinter diesem Ruf steckt jahrzehntelange Renaturierungsarbeit: Bäche wurden wiederhergestellt, Laichgebiete angelegt und Fischbestände aufgebaut. Christian kennt nicht nur die Spots, sondern auch die Geschichten dahinter: Welcher Bach war vor zwanzig Jahren noch betoniert und wo laichen heute wieder Forellen? Einen Fisch habe ich nicht gefangen. Insgeheim fand ich das auch gut und passend, schließlich bin ich Vegetarier. Und wenn ich keine Tiere esse, sollte ich sie auch nicht aus dem Wasser ziehen. Was ich stattdessen bekam, war viel besser, als ein Fisch an der Angel. Es war ein Nachmittag, an dem ich verstand, wie eine Landschaft über Jahrzehnte geformt wird und was es bedeutet, sie wiederherzustellen. Das war, um ehrlich zu sein, mehr wert.
Feldwege, Feuer und fynische Alpen





Thomas Frederiksen kocht in der Villa Skovly in Lundeborg nach seinem Konzept „Over Ild“ – über offenem Feuer mit Zutaten, die man kurz vorher noch nicht kannte, da man sie gemeinsam mit Thomas in der Umgebung gesammelt hat. Das ist eine sogenannte Sanketur: ein Spaziergang durch die Natur, um zu schauen, was essbar ist, wie es riecht und wie es sich anfühlt. Kräuter, Pflanzen und andere Dinge, die keinen Barcode haben.
Dann kommt das Feuer. Dann das Essen. Dann das Gespräch, das weiterläuft, auch wenn der Abend längst kalt geworden ist. Einer dieser Abende, den man nicht ankündigt — der einfach passiert und hängen bleibt. Wer nicht nur das Essen genießen will, sondern sich wie wir auch in die Gegend, den Wald und das Anwesen verliebt hat: Die Villa Skovly bietet in imposanten Glamping-Zelten feine Übernachtungsmöglichkeiten.
Fyn hat eine Initiative namens „Tag mig med” – „Nimm mich mit”. An bestimmten Stellen im Land gibt es Bänke, an denen man sich hinsetzt und wartet, dass jemand anhält und einen mitnimmt. Es ist eine dänische Form des Trampens, aber mit Infrastruktur, mit einem System dahinter. Hier nennt man es „Blaffen“. Die Idee dahinter ist, dass Begegnungen zwischen Gästen und Einheimischen nicht dem Zufall überlassen werden sollten, sondern ein bisschen organisierte Bühne vertragen können.
Während Steffi mit dem Van schon in Richtung Faaborg fuhr, startete von einer Bank beim Falsled Strand Camping. Das Ziel war der Hafen und das Øhavsmuseet. Von dort aus ging es weiter auf einen sieben Kilometer langen Audiowalk des Unsichtbaren Theaters mit dem Titel „Unter dem Eis„, der durch die Svanninge Bakker, auch die fynischen Alpen genannt, führt. Dieser Name mag übertrieben klingen, trifft aber zu. Es gibt Hügel, Wälder und Aussichten, eine Landschaft, die sich für Fünen erstaunlich dramatisch anfühlt. Über Kopfhörer begleiten Schauspieler historische Figuren wie H.C. Andersen und Anna Syberg. Geschichte wird hier nicht nur erzählt, sie passiert, während man geht und dem unsichtbaren Theater lauscht.
Das Blaffen hat übrigens funktioniert. Hin und zurück.
Nebel sehen und bleiben
Leonarda und Christian Hage hatten ganz andere Pläne. Sie wollten eigentlich ein B&B im Ausland eröffnen, irgendwo, wo es warm ist und weniger Winter gibt. Spanien zum Beispiel, oder Portugal. Doch dann fuhren sie durch Falsled. Das liegt zwar auch am Wasser, aber eben nicht am Mittelmeer oder dem Atlantik. Zudem war es Winter, Nebel lag über der Küste und die Bäume waren kahl. Sie schauten sich an, beiden war klar, dass das Glück nicht in der Ferne liegt. Sie blieben. 2019 kauften sie einen alten Campingplatz und machten daraus Falsled Strand Camping, mitten in der Pandemie. Das war entweder mutig oder schlechtes Timing, je nachdem, wen man fragt. Für die Besucher ist diese kleinen Perle mit guten Design und ganz viel Hygge direkt am Wasser ein großes Glück.

© Gerd Blank // Campermen

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Denn was das Paar aus dem Platz am Rand des UNESCO Global Geoparks Südfünisches Inselmeer gemacht haben, geht weit über Camping hinaus: Kajak, Lagerfeuerabende, gelegentlich kleine Konzerte, ein Ruhegefühl, das man nicht aufsetzen kann, das einfach da ist. Es lohnt sich, Leonarda auf ihre Geschichte anzusprechen. Dann erfährt man, warum sie einen Beruf aufgab, um Campingplatzbetreiberin zu werden. Sie erzählt, was man dabei verliert, was man bekommt und dass es lohnt sich. Es ist die Art Geschichte, die lange im Kopf bleibt. Ein kleiner Tipp: Man kann sich ein Kayak leihen und entlang der Küste zum kleinen Hafen von Falsled und zum Strandbistro Vandkanten. Gerüchte sagen, dass es hier die wohl besten Fish & Chips in ganz Dänemark gibt. Ich kann sagen, dass die Pommes klasse sind und Bier schmeckt. Das sollte man gemacht haben. Am besten abends.
Odense, die Stadt der Märchen
Odense ist die größte Stadt Fünen und die drittgrößte Stadt Dänemarks. Sie ist untrennbar mit Hans Christian Andersen verbunden, der am 2. April 1805 als Sohn eines armen Schusters und einer Wäscherin hier geboren wurde. Diesen Umstand hat er sein ganzes Leben lang mit einer Mischung aus Scham und Verklärung in seinen Geschichten bearbeitet. Und natürlich kenne ich wohl die meisten seiner Märchen. Ob „Die kleine Meerjungfrau“, „Der Standhafte Zinnsoldat“, „Prinzessin auf der Erbse“ ode „Das hässliche Entlein“. Was ich nicht wusste: Andersen erfand nicht die schönsten Geschichte, sondern lebte auch ein besonderes Leben. Auch 150 Jahre nach seinem Tod ist er eine große Inspiration – in allen Belangen. Und das muss mit einem passenden Ort gewürdigt werden. Das H.C. Andersens Hus, das Museum in seinem Geburtshaus, hat mit dem Märchenunterricht vergangener Jahrzehnte wenig gemein. Mit einem Audioguide läuft man hindurch. Die deutsche Variante ist übrigens etwas länger als alle anderen. Das mag ein kleiner nationaler Kommentar sein und vielleicht auch ein nachträglicher Beleg für die Verbundenheit des Autoren zu Deutschland. Beim Rundgang versteht man, dass Andersen weniger Heiliger als Phänomen war. Er war so besessen davon war, nicht vergessen zu werden, dass er gleich mehrere Autobiografien schrieb. Und natürlich war er auch da sehr kreativ, denn an entscheidenden Stellen widersprechen sich die „Fakten“. Auch wenn er kein glaubwürdiger Chronist seiner selbst war, ein Genie war er trotzdem.



Man sollte für seinen Besuch in Odense etwas Zeit mitbringen. Zum Beispiel für einen Spaziergang in die Vintapperstræde im Quartier Latin oder für den Besuch des Kunstmuseum Brandts in der ehemaligen Textilfabrik. Wenn der Hunger kommt habe ich einen ganz persönlicher Tipp: Man sollte unbedingt Storms Pakhus besuchen. Von außen ist die alte Lagerhalle eher unspektakulär. Vorm Eingang sieht man allerdings viele vollbesetzte Tische und eine Bühne, man kann ahnen, dass man hier richtig ist. Innen is die Halle vollgestellt mit außergewöhnlichen Foodständen und coolen Bars. Hier wird es kulinarisch lecker und kulturell großartig. Und man hört den Sound einer Stadt, die sich hier ganz eindeutig wie eine Metropole wirkt – und provinziell ist, wie man in Kopenhagen denken mag.
Ein Festival, das nichts verspricht und alles hält
Das Heartland Festival findet jedes Jahr im Juni auf dem Gelände von Schloss Egeskov statt. Drei Tage, mehrere Bühnen, ein Konzept, das sich nicht so leicht in eine Schublade stecken lässt: Es gibt Musik, aber auch zeitgenössische Kunst, Vorträge über das Leben in der Gegenwart und Kulinarik mit Fokus auf Regionalität und Qualität. In diesem Jahr standen Nick Cave & The Bad Seeds und Duran Duran auf der Bühne, dazu Manic Street Preachers und 4 Non Blondes. Ein Lineup, was den Weg bereits rechtfertigt, aber nicht der eigentliche Grund ist, warum man kommt.
Der Grund ist Egeskov selbst.

Das Schloss wurde 1554 fertiggestellt und steht auf einem Fundament aus Eichenpfählen mitten in einem See. Der Legende nach musste für dieses Fundament ein ganzer Eichenwald abgeholzt werden, weshalb das Schloss den Namen Egeskov (Eichenwald) erhielt. In den Gärten, die zu den größten historischen Gartenanlagen Dänemarks zählen, werfen über 300 Jahre alte Hecken ihre Schatten. Auf dem Dachboden liegt eine Holzfigur, die niemals entfernt werden darf, da das Schloss sonst in der Heiligen Nacht im Burggraben versinken würde. Der Holzmann bekommt zu Weihnachten frisches Stroh. Sicherheitshalber.















Und in diesem Rahmen fand das Festival statt: drei Bühnen, Kunstinstallationen zwischen den Hecken, Foodstände, die besser sind als die meisten Restaurants, die ich kenne, und dazwischen Gespräche mit Menschen, die ich vorher nicht kannte und danach nicht mehr vergessen habe. Am Campingplatz luden mich zwei Dänen zu Drink ein. Mit ihnen sprach ich über Musik und Festivals. Wir versprachen uns, dass wir uns in Dänemark oder Deutschland wiedersehen werden. Wieder eine Festival-Liebe die zeigt, dass Festivals eine ganz besondere Gemeinschaft schaffen.
Für Camping- und Outdoor-Fans noch ein Hinweis: In einem der Nebengebäude von Egeskov befindet sich Europas erstes Camping- und Outdoor-Museum, seit 2021, mit der Geschichte des Campinglebens von der Baumwollzelt-Ära bis zum heutigen Glamping. Wer Argumente braucht, warum Camping Kulturgut ist, findet sie hier.
Adel verpflichtet
In Dänemark gibt es viele Schlösser und Herrenhäuser, wie gesagt allein in Fyn 123. Nur eines davon ist eine ehemalige königliche Residenz. Valdemars Slot befindet sich in Privatbesitz. Dessen Geschichte beginnt im Jahr 1677, als Admiral Niels Juel die schwedische Flotte in der Køge Bucht vollständig vernichtete. Die Kriegsbeute nahm eine solche Größenordnung an, dass sie nicht mehr sinnvoll ausgezahlt werden konnte. Stattdessen: Valdemars Slot. Das Schloss wurde dem Admiral zugesprochen und blieb mehr als 340 Jahre in der Familie. Heute wird es von Louise „Duddi” Iuel-Brockdorff Albinus geführt – als erste Frau in der langen Familiengeschichte dieses Hauses.








Duddi ist auf eine herzliche Weise gastfreundlich, die weder pflichtbewusst noch inszeniert wirkt. Die Geschichte des Schlosses ist die Geschichte eines Ortes, der nicht museal werden will. Internationale Künstlerinnen und Künstler erhalten jedes Jahr Räume und die Freiheit, diese nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Das Ergebnis ist kein Museum. Es ist ein Haus, in dem etwas weitergeht. Und in dem man immer wieder neue Dinge entdecken kann. Wie ein gigantischer Fuß, der von einem Riesen stammen könnte, Pernille With Madsen erschaffen wurde. Oder Holzarbeiten von Giuseppe Penone, die man so noch nie gesehen hat. Man kann stundenlang durch Valdemars Slot gehen. Ich hätte gerne mehr Zeit gehabt. Nein. Ich wäre hier gerne eingezogen.
Freiheitsgefühl mit 25 km/h
Die Puch Maxi ist in Dänemark das, was der VW Bulli für Camper und Vanlifer ist: kein Fahrzeug, sondern ein Lebensgefühl. Das Kult-Moped aus den Siebzigern mit Bierkiste und Fuchsschwanz als Grundausstattung wird auf Langeland von einem kleinen Verleih in einer Autowerkstatt in Rudkøbing verliehen. Man zeigt seinen Führerschein und bekommt dann das unausgesprochene Versprechen, dass die nächsten Stunden unter dem Radar des Alltags stattfinden werden.




Unser Ziel war die rund 300 Jahre alte Øhlenschlægers Bøg, eine Buche im Wald nahe der Küste. Unter ihr schrieb Adam Oehlenschläger im Jahr 1802 das Gedicht „Guldhornene„, das von vielen als der Beginn der dänischen Romantik betrachtet wird und dem Mann den Weg ebnete, der später den Text der dänischen Nationalhymne verfasste. Man schiebt die Puch die letzten Meter durch den Wald, da das Fahren hier nicht erlaubt ist. Und dann steht man vor einem Baum, der diese für Dänemark so wichtige Bedeutung einfach so trägt, ganz bescheiden. Es gibt kein Schild, das erklärt, wie bedeutsam das ist. Der Baum steht einfach da und lässt die Ostsee unten glänzen.
Danach geht es weiter, ein wenig die Gegend erkunden, vorbei am alten Tobaksladen, nach Tranekær, knatternd durch die Natur, mit dem Gefühl, das Moped-Fahren einem gibt, das man vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr hatte. Oder, um beim Namen der Tour zu bleiben: Das knallte, aber richtig!

Das „Lil‘ Buddy“ von Ruff Cycles mein Rad der Wahl für diese Tour, hat auch einen Motor. Allerdings läuft dieser mit Strom und ist flüstlerleise. Dennoch fällt das Fahrrad auf. Man kann es vielleicht überhören, aber nicht übersehen. Mit seinen breiten Reifen und dem kompakten Rahmen ist es eine Mischung aus Stadtrad und Strandpromenaden-Fahrrad und in der dänischen Campingwelt eine kleine Attraktion. Überall, wo ich damit unterwegs war, wurde ich angesprochen: Ob man es mieten könne, wo man so etwas bekomme und was es koste. Auf dem Svendborg Sund Campingplatz direkt am Wasser auf Tåsinge hielten mich drei Gespräche auf, die alle mit dem Fahrrad anfingen, aber mit ganz anderen Themen endeten. Das ist Fyn in einem Satz: Man wollte eigentlich nur irgendwohin, und landet im Gespräch.
Maria aus Madeira
Svendborg ist die Stadt am Sund, groß genug für eine Abendstimmung und klein genug, um sie wirklich zu spüren. Ein Spaziergang zum kleinen Beachclub auf der Frederiksø, entlang der Strandpromenade und zum Færgekiosken, eine Imbissbude, bei der man bitte niemals die große Pommes bestellen sollte: Bereits die kleine reicht locker für zwei. Und natürlich kann man hier auch direkt nebenan baden.



Der Svendborg Sund Camping liegt auf der Insel Tåsinge vor Svendborg. Der Platz liegt direkt am Wasser und bietet Meerblick sowie Sonnenuntergänge. Ziegen, Hühner und Kaninchen gehören hier zum Alltag wie Hecken und Hasenbauten. Hinter diesem Ort steht Maria da Silva. Sie wurde auf Madeira geboren, ist seit 27 Jahren auf diesem Platz und gehört zu den Menschen, bei denen man nach fünf Minuten vergisst, dass man eigentlich nur den Stellplatz checken wollte. „Ich habe es fast geschafft“, sagte sie, als ich sie fragte, ob sie ihre Vision von einem perfekten Platz umgesetzt hat. Fast. Ich fragte, was das „Fast“ bedeutet. Sie lachte. „Nur noch ein bisschen mehr.“ Ganz wie ihre Art. Es ist ein bisschen mehr, als man an anderen Orten bekommt. Mehr Herzlichkeit, mehr Wärme, mehr Service. Maria ist immer da, hat immer ein freundliches Wort, in allen Sprachen, die sie in den vergangenen Jahren aufgeschnappt und gelernt hat. Und schon ist sie wieder verschwunden, wahrscheinlich mäht sie den Rasen oder reinigt die Waschräume. Ihren Flair sieht man aber überall.
Lust auf ein Eis? Das sollte man sich in Storms Hjørne in Troense holen. Das kleine Café mit einem Kaufmannsladen befindet sich an der Ortseinfahrt. Hier gibt es Kuchen, und vor allem lokales Eis von Skarø Is. Dabei handelt es sich um die keine Inselmanufaktur, die einmal für Singapore Airlines ein Eis auf Basis des Singapore Sling entwickelte und deren Birkensaft-Zuckertang-Kombination klingt wie ein Experiment, schmeckt aber wie eine Offenbarung.
Nyborg: wo Dänemarks Demokratie anfing
Nyborg ist eine Stadt am östlichen Ende der Insel Fünen. Von hier aus hat man einen Blick auf die Storebælt-Brücke, die längste Brücke Dänemarks, die sich mit einer gewissen Ruhe in die Meerenge lehnt. Nyborg selbst ist älter als diese Stille. Im Mittelalter war sie eine der wichtigsten Königsstädte des Landes. Hier versammelte sich der Danehof, eine frühe Form des dänischen Parlaments. Nyborg nennt sich Geburtsort der dänischen Demokratie. Die Wallanlagen rund um die Altstadt gehören zu den am besten erhaltenen Befestigungsanlagen Skandinaviens und zeugen von einem gewissen historischen Gewicht.
Das Restaurant Remisen in den alten Räumen des Lokschuppens der Nyborg Destilleri macht regionale nordische Küche in einem Ambiente, das versteht, dass Geschichte und gutes Essen sich nicht ausschließen. Hier sollte man unbedingt die opulent belegten Smørrebrød-Varianten probieren. Die Destillerie nebenan verarbeitet fynische Früchte, Beeren und Kräuter zu Spirituosen — der Kaffelikør ist besonders beliebt, was man nach einer Kostprobe versteht.
Langeland, kurz
Langeland ist die Insel am Ende von Fyn. Oder genauer: Es ist die Insel, zu der man fährt, wenn man dachte, man hätte schon alles gesehen und sich dann fragt, warum man nicht schon viel eher hier war. Langeland ist – wie der Name es sagt – schmal und lang mit 152 Kilometer Küste. Egal wo man sich auf der Insel befindet, man ist nie mehr als fünf Kilometer vom Wasser entfernt. Bei Bagenkop tummeln sich Kite-Surfer, im Naturgebiet bei Dovns Klint leben Wildpferde, genauer gesagt Exmoor-Ponys, die die Landschaft offenhalten, und fast überall gibt es einen dunklen Sternenhimmel, weil es hier kaum Lichtverschmutzung gibt.


© Gerd Blank // Campermen
Und am Ende der Insel, oder fast am Ende, liegt der Emmerbølle Strand Campingplatz, der zweimal hintereinander zum besten Campingplatz auf Fünen und den Inseln gewählt wurde. Wir hatten hier einen schönen Platz mit einem direkten Strandzugang. Wer hier stehen möchte: Wir hatten den Stellplatz 15. Die Besitzerin Mia spricht fließend Deutsch. Wer etwas über die Geschichte dieses besonderen Ortes erfahren möchte, dem erzählt es es gerne. Man trifft sie an der Rezeption oder dem hervorragend ausgestattet Shop, immer mit einer Gelassenheit, die man sich abgucken sollte. Das war unser letzter Abend auf dieser Reise. Der Nugget war mit der Schiebetür auf die Pforte zum Strand ausgerichtet, das Wasser vor uns und der Rest Dänemarks hinter uns. Ich habe über den Platz etwas ausführlicher geschrieben: Das Ende der Welt, aber das gute
Am nächsten Morgen ging es über Kolding zurück nach Lüneburg. Beseelt. Aber auch etwas müde. Die Messe in Bad Kissingen, der Van, der Umweg, die erste verregnete Woche und viele Eindrücke. Alles recht, es war genau richtig so. Bereut haben wir nur, zu wenig Zeit gehabt zu haben. Das ist auf Fyn meistens so.
Für alle, die jetzt planen
Zur Anreise: Von Lüneburg sind es etwa 450 Kilometer bis nach Middelfart. Von Hamburg sind es entsprechend weniger Kilometer. Wer direkt nach Odense will, kommt über die A7 nach Flensburg, dann weiter über die E45 und E20. Oder man nimmt die andere Route über Fehmarn. Das sind weniger Kilometer, dafür kommen zwei Fährfahrten dazu. Eine direkte Zugverbindung Hamburg–Odense gibt es fünfmal täglich. Der Flughafen Billund liegt rund 65 Kilometer von Odense entfernt.

Wer mit dem Rad fahren möchte, nimmt sich am besten erst einmal die Herrenhausroute vor: 660 Kilometer, 14 Etappen, Schlösser, Küste, Hofläden, kleine Häfen auf Fyn, Langeland und Ærø. Karte und GPX-Tracks unter herregaardsruten.dk. Das neue Radknotenpunktnetz, Fyn ist die erste Destination in Skandinavien, die dieses belgisch-niederländische System einführt, ist auf Langeland, Ærø und Tåsinge bereits vollständig beschildert; der Rest folgt bis Mitte 2027, dann sind es insgesamt rund 3.400 Kilometer. Unterwegs helfen die „Bike & Hike Friends„: mehr als 200 Betriebe, die Trinkflaschen auffüllen, E-Bikes laden und Tipps geben.
Campen auf Fyn bedeutet: alles ist möglich. Vom Wohnmobilstellplatz am Hafen bis zum Ferienpark mit Schwimmbad. Shelterplätze, also überdachte Schlafstellen in der Natur, sind in Dänemark extrem populär. Diese bucht man über bookenshelter.dk. Der Shelterplatz Millinge Klint bei Falsled ist besonders populär. Mit sieben Shelters, Sauna und Meerblick zeigt er, was die Dänen unter „einfach übernachten“ verstehen. Frühzeitig buchen, besonders im Sommer.
Für spontane Entdecker: Die VisitFyn Outdoor App zeigt Hofläden, Angelplätze, Aussichtspunkte, Galerien und Unterkünfte anhand des eigenen Standorts. Wer öffentliche Verkehrsmittel nutzen möchte, lädt die Rejsekort-App auf sein Smartphone. Damit kommt man überall in Dänemark durch, Abrechnung per Kreditkarte. Oder man nutzt die Mitfahrbänke von „Tag‘ mig med„, die überall auf Fyn zu finden sind. Dänen halten, garantiert. Bei der Fahrt lernt man, wie gastfreudnlich und interessiert die Insulander sind. Und zack, ist die Fahrt auch schon wieder vorbei. So wie die gesamte Reise. Dabei habe ich doch nur einen kleinen Teil gesehen. Fyn mag nicht besonders groß sein. Aber sie hat ein großes Herz. Und eines ist klar. Die Insel ist für mich künftig kein Fleckchen Land mehr, dass ich nur durchfahre, um von einer Seite Dänemarks auf di eandere zu kommen. Fyn ist künftig garantiert sehr häufig das Ziel der Reise.
Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Ich komme wieder.
Links
Infos und Apps
Visit Fyn: http://www.visitfyn.de/
Radknotennetz: https://www.visitfyn.de/radknotenpunktnetz
Herrenhausroute: Etappen mit gpx tracks: https://herregaardsruten.dk/de/startseite/
Parken in Odense: https://www.q-park.dk
Campingplätze
Vejby Fed Strand Camping: https://vejlbyfedstrandcamping.dk
Camp Hverringe: https://www.camphverringe.dk
Stellplatz am Lundeborg Hafen: https://www.visitsvendborg.de
Falsled Strand Camping: https://en.falsledstrandcamping.dk/
Hotel Christiansminde: https://www.christiansminde.dk
Autocamperplads på Klintebjerg Havn: https://www.visitnordfyn.dk
Svendborg Sund Camping: https://svendborgsund-camping.dk
Emmerbølle Strand Camping: https://www.feriepark-langeland.de/emmerboelle
Rezension auf Campermen: https://campermen.de/emmerbolle-strand-camping-das-ende-der-welt-aber-das-gute/
Shelterplatz Millinge Klint: https://bookenshelter.dk
Ausflüge
Bridgewalking: https://bridgewalking.dk
CLAY – Dänemarks Museum für Keramik & Porzellan: https://claymuseum.dk
Angeln / Projekt Havørred Fyn: https://de.seatrout.dk
Fjord & Bælt: https://fjordbaelt.dk/was-ist-fjordbaelt/?lang=de
Villa Skovly: https://www.villa-skovly.dk/
Over Ild: http://overild.dk
Blaffen / Tag mig med (Nimm mich mit): https://www.visitfyn.de/fyn/outdoor-og-bike/tag-mig-med
Unsichtbares Theater „Unter dem Eis“: https://usynligtteater.dk/de/unter-dem-eis/
App BaggaardTeatret: https://usynligtteater.dk/de/download-app-de/
Øhavsmuseet: https://www.ohavsmuseet.dk
App: Rejsekort: https://www.rejsekort.dk/da/rejsekort_app
Hans Christian Andersens Hus: https://hcandersenshus.dk/de/
Heartland Festival: https://heartlandfestival.dk
Schloss Egeskov: https://egeskov.dk/de
Europas erstes Outdoor- und Camping-Museum: https://egeskov.dk/oplevelser/udstillinger/camping-outdoor-museum
Valdemars Slot: https://www.valdemarsslot.dk/
Langelands Maxiudlejning „Knaller“ Puch Maxi Leihstation Langeland: https://langelands-maxiudlejning.understory.io
Essen und Trinken
Restaurant Remisen: https://restaurantremisen.dk/
Nyborg Destilleri: https://nyborgdestilleri.dk/
Vesterports Bageri: https://vesterportbageri.dk/
Færgekiosken: https://www.visitdenmark.se/danmark/planera-resan/faergekiosken-gdk1156468
Storms Pakhus: https://stormspakhus.dk/en/
Die Reise wurde von Destination Fyn ermöglicht. Destination Fyn ist die Organisation hinter VisitFyn und ist eine gemeinnützige Tourismusorganisation im Besitz der 10 Gemeinden auf Fyn sowie engagierten Mitglieder, zu denen verschiedene Akteure der Tourismusbranche auf Fünen gehören, wie beispielsweise Hotels, Campingplätze, Sehenswürdigkeiten und Restaurants.
