
Ein Lastenrad, das sich beim Anhalten selbst abstützt, klingt erst mal nach Bequemlichkeit für Fortgeschrittene. Auf längeren Strecken und vollbepackt mit Camping-Gear erweist es sich jedoch als der klügste Reisebegleiter, den man sich vorstellen kann.
Hand aufs Herz: Bis vor wenigen Wochen hätte ich mir nie vorstellen können, mit einem Lastenfahrrad unterwegs zu sein – geschweige denn, damit in den Urlaub zu fahren. Das liegt zum Teil auch daran, dass früher, als ich noch in Hamburg wohnte, vor meiner Haustür unzählige Mütter und Väter mit einem Lastenrad den Bürgersteig als Rennstrecke nutzten. Der Radweg war zu schmal für diese Rad-SUVs. Nun denn, ich wohne nicht mehr in Hamburg, vor meinem Zuhause habe ich viel Platz – und sogar eine Garage.
Wenn ich auf Campingtour gehe, habe ich meistens eine Menge Ausrüstung dabei. Ich kann mir keinen Bike-Urlaub mit nur einer Unterhose im Gepäck und einem Minizelt am Lenker vorstellen. Ob Kaffeekanne, ein vernünftiges Zelt mit guter Matratze, bestenfalls ein Stuhl und nette Beleuchtung, natürlich ein paar Shirts müssen mit. Das mag für die Minimalisten da draußen ein Overkill sein, für mich ist das eine Grundausstattung. Doch dafür braucht es dann eben ein Lastenrad.
Doch ein vollgepacktes Lastenrad zu manövrieren, hat oft mehr mit Akrobatik als mit entspanntem Reisen zu tun. Wer schon einmal versucht hat, ein beladenes Schiff an der roten Ampel oder im tiefen Sand von Fehmarn zu bändigen, während die Waden zittern und der Wind von der Ostsee drückt, der weiß: Das Gleichgewicht ist ein fragiles Gut. Genau hier setzt das Tarran T1 Pro an. Es ist im Grunde kein Fahrrad mehr, sondern ein hochintelligentes Gadget, das mitdenkt – so als hätten die Ingenieure aus Cupertino beschlossen, das Thema Logistik endlich mal zu Ende zu denken.
Das Ende des Ampel-Abtanzens

© Gerd Blank // Campermen
Beruflich habe ich viel mit Technik zu tun. Ich teste smarte Gadgets und schreibe darüber. Aus diesem Grund wollte ich unbedingt das Tarran T1 Pro testen. Denn das Versprechen des Herstellers trifft bei mir genau den richtigen Nerv: Es soll das smarteste Rad sein, dass man sich vorstellen kann. Dazu gehört natürlich eine Bluetooth-Verbindung, auch im Mobilnetz ist es unterwegs, was für Diebstahlschutz und Navigation wichtig ist. Es hat Kameras und Sensoren eingebaut, Lautsprecher für Musik beim Fahren gibt es obendrein. Mit der passenden App kann man alle Funktionen einstellen. Statt einem klassischen Schlüssel zum Entsperren des Rades gibt es eine Plastikkarte mit NFC-Chip. Der Clou sind aber meines Erachtens die Stützräder.
Okay, natürlich sind es keine klassischen Stützräder, wie sie bei Kinderrädern montiert sind. Tarran nennt dieses absolute Prunkstück „Landing Gear“. Klingt nach Flugzeug, was im Prinzip auch den Kern der Sache trifft. Man muss sich das tatsächlich so vorstellen wie bei einem Jet: Sobald man die Geschwindigkeit drosselt, fahren automatisch zwei kleine Stützräder aus. Diese „Stützräder für Erwachsene“ sind in der Praxis eine Offenbarung. Auf einer meinen Test-Touren im Norden, vorbei an den Schafsweiden und alten Höfen, war das der Gamechanger. Man bleibt an einer Bahnschranke oder beim Fotostopp einfach im Sattel sitzen, entspannt die Beine und lässt das Rad den Job machen. Sobald man antritt, klappen die Beine diskret wieder ein. Wer einmal mit vollem Touren-Gepäck im Stand nicht mehr um das Gleichgewicht kämpfen musste, will diese Souveränität nie wieder hergeben.
Die Räder dienen zudem als Park-Räder, einen zusätzlicher Fahrradständer wird eigentlich nicht benötigt. Sobald ich das Rad abstelle, drücke ich einfach den Parkknopf am Lenker – und schon fahren die Räder komplett aus und sorgen so für Stabilität und verhindern ein Wegrollen. Löse ich die Parkfunktion fahren die Räder halb ein: Sie berühren noch den Boden. Das hilft, wenn man das Rad ein Stück schieben möchte. Mit einer weiteren Taste kann ich die Räder komplett einfahren, sobald ich wieder selbst in die Pedale treten möchte.
Cockpit-Feeling statt Tacho-Tristesse

© Gerd Blank // Campermen
In der Schaltzentrale geht es direkt weiter mit dem Technik-Feuerwerk. Statt eines mickrigen Tachos starrt man auf ein Retina-Display, das so scharf ist, dass man fast vergisst, auf die Straße zu schauen. Das System bietet Kameras und sogar ein Radar, das einen warnt, wenn sich von hinten jemand nähert. Anfangs hat es mich sehr genervt, dass es piepte, sobald direkt hinter mir ein Radfahrer fuhr. Zum Glück habe ich im Menü die Einstellung gefunden, den Radar-Sound auszustellen. Jetzt vibriert es nur noch, wenn sich von hinten jemand nähert. Braucht man das? Wenn man auf einem schmalen Radweg entlang der Landstraße von einem überholenden SUV bedrängt wird, ist das haptische Feedback im Lenker Gold wert. Es nimmt diesen permanenten Schulterblick-Stress aus der Fahrt, was selbst lange Etappen ungemein entschleunigt.
Apropos Sound: Natürlich hat das T1 Pro keine normale Klingel. Hier kann die Klingelton einstellen, fast so wie beim Smartphone. Und wie dort ist ein Ton seltsamer als der nächste. Ich hätte mir einen klassischen Klingelsound gewünscht. Vielleicht kann man sich ja bald per App neue Sounds herunterladen. Spannend ist auch die eingebaute Kamera. Sie ist eigentlich dafür da, um als Dashcam brenzlige Situationen im Straßenverkehr aufzunehmen oder um versuchte Diebstähle zu dokumentieren. Aber man kann sie auch für lustige Selfies während der Fahrt nutzen. Es ist vielleicht müßig auch noch zu erwähnen, dass es eine Rückfahrkamera gibt, wenn man das Rad zurückschiebt. Lustig ist das Kameragewinde am Lastkorb, um zum Beispiel eine zusätzliche Selfikamera zu montieren.
Von der Ilmenau in die Heide

© Gerd Blank // Campermen

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Wie schlägt sich das T1 Pro nun im echten Ausdauer-Test? Insgesamt war ich etwa 300 Kilometern mit dem Rad unterwegs. Und bei den Touren wurde mir schnell klar, dass das T1 Pro mehr ist als nur ein Show-Objekt für die Innenstadt. Mit 100 Newtonmetern Drehmoment bügelt der Motor selbst Hügel und Steigungen glatt, als wären sie gar nicht da. Selbst mit ordentlich Zuladung in der EPP-Box vorne – vom Proviant bis zur Camping-Ausrüstung – lässt sich das Rad dank der Seilzuglenkung präzise um jede Kurve zirkeln. Die Vollfederung ist dabei kein nettes Extra, sondern auf den teils ruppigen Küstenwegen die Rettung für den Rücken.
Wichtig für längere Touren: Man sollte einen zweiten Akku dabei haben. Setzt man beide Akkus ein, sind je nach gewählter Motor-Unterstützung Strecken bis 140 km möglich. Das ist zwar weniger, als der Hersteller verspricht, aber mehr, als man normalerweise am Tag fährt. Aufgeladen werden die Akkus mit dem Schnellladegerät entweder über den Anschluss an der Ladewanne oder direkt am Akku.
Ich bin ein wenig überrascht, wie gut ich mit dem Rad unterwegs bin. Klar, es ist nicht ganz so wendig, wie ein klassisches E-Bike. Das wäre auch ein Wunder, bei der Größe, der Länge und dem Gewicht. Dafür, dass das T1 Pro aber wie eine Limousine gebaut ist, fährt es sich doch sehr spritzig. Längere Touren sind allerdings dann doch etwas anstrengend, besonders wenn man auf schmalen Radwegen oder umgepflasterten Streckenabschnitten unterwegs ist. Ich musste mich schon sehr konzentrieren, um nicht versehentlich über einen Kantstein zu fahren. Der Sattel ist ebenfalls nicht perfekt für langes sitzen: Viel zu hart und unbequem. Für lange Touren würde ich ihn austauschen.
Andererseits finde ich es grandios, wie leichtfüßig das Rad selbst mit einer großen Ladung zurecht kommt. Ich hatte keinerlei Probleme, meine komplette Ausrüstung zu transportieren. Es hätte sogar noch mehr Zeug sein können. An einem Tag habe ich das Rad für eine Einkaufstour genutzt: Voll beladen und den Berg hoch gab es sich keine Blöße.
Das Fazit: Ein smarter Brocken

© Gerd Blank // Campermen

© Gerd Blank // Campermen

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Natürlich ist das T1 Pro kein Leichtgewicht und mit rund 7.000 Euro auch eine Ansage an das Sparkonto. Aber es ist ein ehrliches, durchdachtes Stück Mobilität für alle, die das Lastenrad nicht nur für die zwei Kilometer zum Supermarkt nutzen. Wer auch längere Strecken mit großer Last ganz ohne Rückenschmerzen und mit einem breiten Grinsen im Gesicht bewältigen will, findet hier das passende Werkzeug. Es ist die perfekte Symbiose aus brachialer Kraft und fast schon zärtlicher technologischer Unterstützung.
Sagen wir es mal so: Wenn man das Rad für den Alltag kauft, hat man einen genialen Begleiter für Einkäufe oder um Kinder in die Schule zu bringen. Und dann kann man es darüber hinaus auch perfekt für Ausflüge oder Camping-Trips nutzen.
Gear-Check: Tarran T1 Pro
| Merkmal | Details |
|---|---|
| Hersteller | Tarran Bikes |
| Modell | T1 Pro |
| Antrieb | Mittelmotor mit 100 Nm & Gates Carbon Drive Riemen |
| Display | 5,2 Zoll Retina Touchscreen mit TarranOS |
| Highlights | Automatisches Fahrwerk, 360° Kameras, Radar |
| Reichweite | Bis zu 200 km (mit Dual-Akku Option) |
| Zuladung | Max. 220 kg Gesamtgewicht |
| Preis (UVP) | ca. 6.999,00 € |
| Webseite | tarranbikes.com |
