
3600 Teile, 30 Beutel und eine Reise durch Raum und Zeit. Während Gerd die Enterprise baut, sinniert er über Camping im All und die Entdeckung neuer Horizonte.
Fans sind nicht objektiv. Ihr Herz schlägt für eine Sache. Das sorgt oft für Diskussionen. Das erlebt man überall, wo Leidenschaft eine Rolle spielt. Beim Fußball zum Beispiel. Als gebürtiger Hamburger müsste ich mich eigentlich entscheiden, ob ich mich über Tore des HSV oder vom FC St. Pauli freue. In der Popmusik gab es immer den Streit darüber, ob nun die Beatles oder die Rolling Stones die bessere Band sind. Später sah man in Internet-Foren regelrechte Scharmützel zwischen Mac- und Windows-Nutzern. Und so ist es auch bei „Star Wars“ und „Star Trek“. Und meine Position in diesem Duell ist klar.

Natürlich habe ich alle „Star Wars“-Filme geschaut – und das in allen Varianten (leider). Aber auch wenn dort noch so viele Raumschiffe über die Leinwand oder den Bildschirm flogen: Für mich war es nie eine Science-Fiction-Saga, sondern Fantasy-Unterhaltung mit pseudo-religiösem Touch. So sehr ich den Millennium Falken mag, so wenig überzeugt mich der Fokus auf Jedi und Skywalker. „Star Trek“ ist für mich dagegen ein Universum voller Ideen, ein Blick in eine mögliche Zukunft. Ob Technologien oder gesellschaftliche Themen: In den Serien und Filmen lernte ich viel übers Leben, über Toleranz, über Gefahren und Hoffnungen und über das Miteinander.
Neue Horizonte entdecken
Soweit, so bekannt. Was viele nicht wissen: Die ursprüngliche Serie „Raumschiff Enterprise“ wurde von ihrem Schöpfer Gene Roddenberry als „Wagon Train im Weltraum“ beschrieben, um das Konzept den Fernsehproduzenten zu verkaufen. Diese Pitch-Idee bezog sich auf eine beliebte Westernserie und betonte den Aspekt der fortlaufenden Reise in unbekannte Gebiete mit einer Stammbesatzung und wöchentlich wechselnden Gaststars und Abenteuern. Der Originaltitel „Star Trek“ bedeut in etwa „Zug zu den Sternen“ und ist an die strapaziösen Reisen der amerikanischen Pioniere angelehnt, die mit ihren Planwagen den noch unbekannten Kontinent erschlossen. Roddenberry ging bei der Konzeption der Serie von einer Vielzahl erdähnlicher Planeten im Universum aus, die erst noch entdeckt werden müssten. Und das entspricht doch genau dem, was wir Camper uns von unseren kürzeren oder längeren Trips erhoffen. Horizonte erweitern, neue Welten entdecken, gerne mit anderen Menschen zusammen Abenteuer erleben. Im Prinzip gehört die Crew der Enterprise also zu unserer großen Camper-Familie. Ein gute Geschichte, oder? Für mich ist das auf jeden Fall ein vernünftiger (hüstel) Grund, das neue Lego-Set „Star Trek: U.S.S. Enterprise NCC-1701-D“ zu bestellen, es aufzubauen und hier vorzustellen.
Ich liebe es, Lego-Sets mit Film-Motiven aufzubauen. Ich habe den „Ecto 1“ aus „Ghostbusters“ hier stehen, auch einen kleinen Millennium Falken von Star Wars. Das Raumschiff habe ich übrigens in drei Varianten und Größen aufgebaut, in meinem Arbeitszimmer ist allerdings nur Platz für die Miniatur. Ich habe den Kutter von „Der Weiße Hai“, den Helikopter aus „Dune“, den Delorean von „Zurück in die Zukunft“ und den Aston Martin von James Bond zusammengesteckt. Als Lego kürzlich die „Star Trek“-Lizenz erwarb, hoffte ich, dass bald die Enterprise in meinen Fingern wächst. Meine Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Doch statt dem ersten Modell NCC 1701 aus der Original-Serie hat sich Lego für das Modell NCC 1701-D aus „The Next Generation“ entschieden. Eine gute Wahl, denn diese Enterprise wartet mit einem besonderen Feature auf: Die diskusförmige Untertassensektion lässt sich abtrennen. Im Film ist das nur für Notfälle gedacht, bei Lego ist es ein cooles Gimmick.



Erst einmal ein paar Eckdaten: Es handelt sich um das Set mit der Nummer 10356 aus der Icons-Reihe. Die Icons-Sets sind vor allem für erwachsene Lego-Fans gedacht. Das liegt auch am Umfang: 3.600 Teile müssen zusammengesteckt werden. Neben der Enterprise baut man aus den Teilen auch die Halterung und die neun Minifiguren der Besatzung. An Bord sind Captain Jean-Luc Picard, Dr. Beverly Crusher, ihr Sohn Wesley Crusher, Commander William Riker, Geordi La Forge, Commander Data, Counsellor Deanna Troi, Lieutnenant Worf und Guinan. Die Anleitung wurde auf zwei dicke Hefte verteilt und in 30 Bauabschnitte gegliedert. Entsprechend befinden sich 30 Tüten im Karton, die jeweils mindestens ein weiteres Tütchen mit Kleinteilen enthält.

„… to boldly go where no one has gone before„
Los geht’s, die erste Tüte ist geöffnet, ein Haufen Plastikteile landet auf dem Schreibtisch. Während ich die Teile ein wenig sortiere, schießen mir ein paar Daten durch den Kopf. „The Next Generation“ lief von 1987 bis 1994 im TV, in sieben Staffeln gab es 178 Episoden. Zwischen 1994 und 2002 wurde zudem vier Spielfilme rund um die Enterprise NCC 1701-D gedreht. Und in den drei Staffeln und 30 Folgen der Serie „Picard“ kamen kürzlich die alten Helden noch einmal zusammen. Während ich mir Gedanken zu meinen Lieblingsfolgen machen und noch einmal an die Borg denke, läuft auf meinem Monitor ein Video der Enterprise in Dauerschleife. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergeht: Nach wenigen Klicks steht Dr. Crusher vor mir und der erste Bauabschnitt ist fertig.

Die nächsten Beutel. Mir gefällt es gar nicht, das Set nach der Anleitung aus Papier zu bauen. Manchmal erkenne ich nicht genau, an welche Position ein Plastikteil gesteckt wird. Zum Glück gibt es die Möglichkeit, die Anleitung als PDF herunterzuladen, wodurch ich einzelne Seiten auf dem Computer vergrößert darstellen kann. Noch einfacher wird es allerdings per App „Lego Builder“. Auf Smartphone oder Tablet kann ich die Bauabschnitte in 3D betrachten und bei Bedarf drehen und vergrößern. Einfacher geht es nicht. So sind Schritt zwei und drei schnell erledigt.
Im vierten Beutel steckt Wesley Crusher. Ich weiß bis heute nicht, warum er von vielen Fans so gehasst wurde. Er war manchmal übereifrig, ja, aber eigentlich ein ziemlich schlauer Kopf. Irgendwie wirkt es so, als wäre es eine Art Wiedergutmachung, dass er im Set dabei ist. Mir gefällt’s. Am Ende der Tüte habe ich schon 100 Einzelschritte hinter mir. Langsam wird es mir mulmig Auf den Bildern sah die Enterprise zwar groß aus, aber mir schwant, dass sie nicht auf meinem Schreibtisch stehen kann – sonst müsste ich mir einen anderen Arbeitsplatz suchen.
Eine Frage der Mannschaft
Apropos Arbeitsplatz: Wir sehen bei allen „Star Trek“-Serien vor allem das Stammpersonal. Auf der NCC 1701-D haben allerdings bis zu 1000 Personen Platz. Wo sind die alle? Das zeigt die geniale Trickfilm-Serie „Lower Decks“, in der ein witziger Blick auf die Mannschaften geworfen wird – inklusive Problemen im Alltag und Job. Herrlich. Aber weiter, immer weiter. In Beutel 9 befindet sich Commander Riker, auch gerne „Nummer 1“ genannt. Der beste Mitarbeiter, den man sich vorstellen kann. Er durfte Jean-Luc Picard auch an der einen oder anderen Stelle etwas Lockerheit beibringen.



Meine Finger krampfen etwas, ich habe die Beutel zehn und elf fertig. In Beutel 12 steckt Georgi La Forge. Ich mochte seine elektronische Brille, mit der er schon früh den Look von Ski Aggu vorweg nahm. Ich komme nicht so schnell voran, wie ich es mir wünsche. Es schleichen sich kleine Fehler ein, ich muss ein paar Details wieder auseinandernehmen. Wo ist denn die Warp-Geschwindigkeit, wenn man sie mal braucht.
Beutel 16, endlich kommt Commander Data zum Vorschein. Ich war immer Fan von ihm. Ein Android auf der Suche nach der Menschlichkeit – und so immer auch ein Korrektiv für den Rest der Besatzung. Für mich als Zuschauer auch eine gute Möglichkeit, selbst immer wieder die Frage zu stellen: Was macht uns als Menschen aus? Und bei „Star Trek“ kann man eigentlich immer davon ausgehen, dass sich die Antwort darauf so gut und warm wie eine kuschelige Wolldecke anfühlt.
Camping mit Kirk & Co.
Wie in der Serie gibt es auch beim Bau eines umfangreichen Lego-Sets immer immer eine Durststrecke. Es wird einfach zwischendurch etwas langweilig. Es ist quasi der Arbeits-Alltag bei einem Spaß-Projekt. „Arbeiten, wo anderen Urlaub machen“. Ja, genau, hahaha. Dann doch lieber campen. Und das dachten sich die Macher von Star Trek auch. In der Serie „Enterprise“ verbringen T’Pol, Charles Tucker, Travis Mayweather, Elizabeth Cutler und Ethan Novakovich auf einem fremden Planeten eine Nacht im Zelt. Im Film „Star Trek V: Am Rande des Universums“ verbringen wiederum James T. Kirk, Spock und Leonard McCoy gemeinsam einen Campingurlaub, diesmal auf der Erde, im Yosemite-Nationalpark. In „Deep Space Nine“ geht Worf mit seinem Vater Sergey und seinem Bruder Nikolai einige Male im Ural campen. Ebenfalls in dieser Serie unternimmt der junge Jake Sisko mit seinem Vater Benjamin Sisko und seiner Mutter Jennifer Sisko eine Campingtour auf Itamish III. Ich glaube, dass dieser Campingplatz selbst für mich viel zu abgelegen ist.
Endlich gibt es Tee: In Beutel 23 steckt Captain Jean-Luc Picard, natürlich mit einer Tasse Earl Grey in der Hand. Was war das damals für eine famose Idee, den international relativ unbekannten Shakespeare-Darsteller Patrick Steward für die Rolle auszuwählen – und ihn einen Franzosen spielen zu lassen. Auch nicht verrückter, als ihn als Chefmutant in einer Comic-Verfilmung zu besetzen. Aber das ist eine eine andere Geschichte.

Der Rest des Baus geht jetzt einfach von der Hand, die Untertassensektion bekommt ihre endgültige Form. Und dann, irgendwann, ist es vollbracht. Die Enterprise ist fertig. In voller Pracht steht sie vor mir. Was für ein Kaventsmann. Das Raumschiff ist absolut kein Spielzeug, es ist dafür zu groß, schwer und unhandlich. Außerdem gibt es an der Enterprise nicht viel zu entdecken. Kein Blick ins Cockpit, kein Labor, kein Maschinenraum, kein Holodeck. Die Figuren können nicht im Raumschiff platziert werden, sondern stehen in einer Reihe auf einem langen Lego-Streifen. Das Raumschiff ist ein Modell zum Hinstellen und angucken. Aber dafür braucht man Platz. Und bestenfalls eine Vitrine, damit das Schiff nicht einstaubt, aber vor allem noch sicherer steht. Die Halterung ist zwar gut konstruiert, durch das Gewicht des Schiffes ist es aber doch eine etwas wackelige Angelegenheit.
Ein Raumschiff für Sammler
Ich finde es etwas schade, dass bei teueren Sets wie diesem Aufkleber genutzt werden, um bestimmte Teile zu verzieren. Hier wäre es schöner, wenn die Teile hochwertig bedruckt wären. Zum Glück habe ich mir diesmal beim Aufkleben Mühe gegeben, die Sticker sitzen immerhin richtig.



Das Lego Icons Set „Star Trek: U.S.S. Enterprise NCC-1701-D“ ist für Fans von „Star Trek“ und Lego. Der Aufbau macht insgesamt sehr großen Spaß. Die Figuren sind Klasse. Vermutlich wird das Set zu einem Sammlerstück und kaum an Wert verlieren. Das ist auch gut so, denn der Anschaffungspreis ist mit rund 380 Euro ein wenig happig. Für mich ist es ein großes Fest, nun mit Picard & Co. ganz neue Lego-Welten zu entdecken – und „… mutig dorthin zu gehen, wo noch niemand zuvor gewesen ist“. Und ich freue mich schon auf die weiteren Sets aus dem Sci-Fi-Universum. Hoffentlich geht es bald weiter mit der Original-Besatzung Kirk und Spock. Bis dahin: Live long an prosper.

Lego Icons Set „Star Trek: U.S.S. Enterprise NCC-1701-D
UVP: 379 Euro
Link zum Hersteller: https://www.lego.com/de-de/product/star-trek-u-s-s-enterprise-ncc-1701-d-10356
