
Zwischen alkoholfreiem Craft-Bier, Wein um zehn, Camping mit Blick auf Apfelplantagen und einem Flug vom Vigiljoch zeigt die Region um Lana, wie gut Genuss, Landschaft und Begegnungen zusammenpassen.
Um zehn Uhr morgens hielt ich in Prissian ein Glas Weißwein in der Hand. Das ist als Beginn einer Wanderung etwas ungewöhnlich, erklärt aber ziemlich gut, wie unsere zweite Etappe durch Tirol und Südtirol verlief. In und um Lana wurden Wege selten nach Kilometern gemessen. Wichtiger war, wer am Ende des Weges wartete, was auf dem Tisch stand und wie schnell man mit Menschen ins Gespräch kam.

Begonnen hatte alles am Nachmittag zuvor mit Bier. Genauer gesagt mit alkoholfreiem Bier, was zunächst weniger nach Südtiroler Genuss und mehr nach einer vernünftigen Entscheidung klingt. Im Pfefferlechner in Lana begrüßte uns Max Laimer und führte uns durch die Brauerei, in der FREEDL entsteht. Die Familie bezeichnet sie als erste alkoholfreie Craft-Brauerei Italiens. Gebraut wird mit natürlichen Zutaten und einem eigenen Fermentationsverfahren. Vier Sorten konnten wir probieren: Classic, Calma, Citrino und Carica. Sie reichen vom herben, eher klassischen Bier bis zu Zitrusnoten und einem dunkleren Stout mit Cascara. Die eigentliche Überraschung war Steffi. Sogar sie fand Gefallen an dem Bier, vor allem am Calma mit seiner feinen Basilikumnote. Alkoholfreies Bier wird gerne als Ersatz behandelt. FREEDL schmeckt nicht nach Ersatz, sondern nach einer ziemlich eigenständigen Idee.
Unter Kastanien wird groß aufgetischt
Nach der Führung wechselten wir nur ein paar Schritte weiter in den Buschenschank. Der Pfefferlechner ist ein Wirtshaus mit großem Garten, in dem die Tische unter einem gewaltigen Kastanienbaum stehen. Das Haus schafft eine schöne Mischung aus Tradition und Moderne, ohne die eine Seite als Dekoration für die andere zu benutzen. In der Küche funktioniert das ähnlich. Auf den Tisch kamen eine kalte Gurkensuppe mit Melone und Frischkäse sowie ein Zitronenrisotto. Danach folgten ein vegetarischer Burger und eine Käseplatte. Besonders mochte ich die Papiertüte mit verschiedenen Brotsorten. Das sah ein wenig so aus, als hätte uns die Küche gleich noch Proviant für die Weiterreise eingepackt. Zum Abschluss gab es einen Affogato mit Bierkaramell und hausgemachtes Vanilleeis. Alles war fantastisch, und als wir wieder aufstanden, war endgültig klar, dass an diesem Abend niemand mehr eine große Wanderung brauchte.












Pappsatt fuhren wir hinauf nach Völlan. Unser Platz auf dem Camping Völlan lag mit direktem Blick auf die Apfelplantagen. Viel Raum zwischen den Parzellen gibt es nicht, die Nachbarn stehen nah. Trotzdem fühlt sich der Platz nicht wie eine eng gestellte Reihe an. Die Stellplätze liegen auf Terrassen, dazwischen entstehen kleine Nischen, und mit etwas Geschick lässt sich der Camper so ausrichten, dass man nicht ständig auf den Frühstückstisch nebenan schaut. Ein bisschen wirkt die Anlage wie ein kleines Bergdorf.

Anonym ist es dort allerdings nicht, und das war in unserem Fall ein Vorteil. Wir kamen schnell mit anderen Reisenden ins Gespräch und saßen am Abend zusammen, um über das Leben, das Unterwegssein und all die Dinge zu reden, für die zu Hause offenbar nie genug Zeit ist. Die Betreiberin war sehr zuvorkommend, morgens gab es gutes Brot und Brötchen, und der Mini-Markt hatte alles, was man für den täglichen Bedarf vergessen haben könnte. Auch der praktische Teil stimmt. Die Waschräume sind modern, und die Duschen gehören wahrscheinlich zu den besten, die ich seit Jahren auf einem Campingplatz gesehen habe. Dazu kommt ein kleiner Pool. Man könnte den Platz allein deshalb mögen. Am Ende waren es aber wieder die Menschen, die ihn für uns besonders machten.
Weißwein zum Frühstück, gewissermaßen

Am nächsten Morgen trafen wir Irmgard Windegger in Prissian. Sie ist Naturführerin und Winzerin und leitete eine Genusswanderung, bei der der Begriff Genuss keineswegs als freundliches Anhängsel gemeint ist. Rund 30 Menschen aller Altersklassen machten sich gemeinsam auf den Weg. Gestartet wurde um zehn Uhr, und nur wenig später hielt ich das erwähnte Glas Weißwein in der Hand. Ich saß neben Renate. Seit vielen Jahren kommt sie mit ihrem Mann hierher, sie kennt den Ort fast so, als wäre sie hier zuhause. Und man sie, alle grüßten Renate. Mit 85 fühlt sie sich langsam zu alt für die Reise hierher, aber ihre Cousine hat sie überredet, den Herbst hier zu verbringen. Und sie ist glücklich, hier zu sein. Wir stießen an, wir freundeten uns an und lachten viel gemeinsam.














Die Route unserer Wanderung führte durch die Weinlandschaft rund um Prissian, vorbei an Ansitzen, Höfen und Reben. Irmgard erzählte von der Geschichte des Ortes, von den vielen Burgen und natürlich vom Weinbau. Wir besuchten unter anderem das Weingut Großkemat und die Versoaln-Rebe bei Schloss Katzenzungen, die als eine der ältesten und größten Reben der Welt gilt. Später ging es weiter zu einer Bauernbäckerei und einer Brennerei. Die reine Gehzeit ist überschaubar, doch dieser Tag wird ohnehin nicht über sportliche Leistung definiert. Seinen schönsten Abschluss fand er in Irmgards Bio-Garten. Dort gab es ein rustikales Essen mit saisonalen Zutaten und Käse aus der Region. Besonders angenehm war, wie schnell wir mit den anderen Teilnehmern ins Gespräch kamen. Vielleicht liegt das an der Offenheit der Menschen, vielleicht an der Region. Vielleicht hilft auch der Wein ein wenig nach. Das Ergebnis war jedenfalls wunderbar.
Mit Peter über das Tal

Am nächsten Tag stand ein Tandemflug mit Fly42 auf dem Programm. Bei aller Vorfreude hatte ich durchaus Angst vor dem Moment, in dem der Boden unter meinen Füßen verschwinden würde. Das Wetter hätte allerdings kaum besser sein können. Es war warm und klar, beste Voraussetzungen für einen weiten Blick über das Meraner Land. Steffi brachte mich zum Treffpunkt und fuhr anschließend zum Landeplatz, um dort auf mich zu warten. Dann lernte ich Peter kennen, und schon seine ruhige Art half. Dazu diese tiefe Stimme, mit der er meine Angst ziemlich schnell beiseitefegte. Peter fliegt seit 25 Jahren mit dem Gleitschirm. Angefangen hat er mit Wettkämpfen, heute verdient er sein Geld mit Tandemflügen über der Region Lana.







Wenn er Zeit findet, reist er um die Welt, meist im Winter, wenn fliegen hier kaum möglich ist. Gerade war er in Kolumbien und Indien. Natürlich wollte ich wissen, wo er es bisher am schönsten fand. Seine Antwort war klar: Er fliege nicht zum Sightseeing. Genial sei es dort, wo Wind und Thermik stimmen. Sein liebstes Revier sind, neben seinem Hausberg Vigiljoch, die Dolomiten. Kurz darauf liefen wir los und hoben ab. Der Flug war genial. Wir glitten über das Tal und drehten Runde um Runde. Bei diesen Bedingungen, erklärte Peter, könnte er viele Stunden in der Luft bleiben. Unser Flug dauerte rund 30 Minuten. Peter machte währenddessen viele Fotos, und auf jedem einzelnen sieht man mich mit einem breiten Grinsen. Schließlich landeten wir auf einem Feld am alten Friedhof, wo Steffi bereits auf mich wartete. Ich war froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben, aber noch glücklicher darüber, diesen Flug tatsächlich gemacht zu haben. Was für ein Ausflug. Den werde ich nicht vergessen.
Bodenständiges nach dem Abheben
Am Abend ging es in den Gasthof Falger in Völlan, nur ein paar Minuten von unserem Campingplatz entfernt. Wir saßen auf der großen Terrasse und blickten über die Apfelbäume bis zu den Bergen. Nach dem Flug war das genau der richtige Ort, um den Tag noch einmal in Ruhe an sich vorbeiziehen zu lassen.

Der Service war großartig und wurde eigentlich nur noch vom Essen übertroffen. Wir hatten eine perfekte Pizza und Knödel, beides vegetarisch und beides so gut, dass unweigerlich der Vergleich mit zu Hause aufkam. In Hamburg hätte ein Essen in dieser Qualität vermutlich doppelt so viel gekostet. Und hier gab es den besten Blick auf das Tal gleich dazu.
Noch einmal hinauf zum Vigiljoch
Für unseren letzten Ausflug in Lana ging es noch einmal zum Vigiljoch. Die große Kabine der Seilbahn bringt Wanderer und Radfahrer gemeinsam auf rund 1.500 Meter Höhe. Die Fahrt dauert gerade einmal sechs Minuten. An den Ohren merkt man trotzdem, wie schnell es aufwärtsgeht. Nur ein paar Schritte von der Bergstation entfernt wartet schon der Sessellift. Weitere 20 Minuten schwebten wir über Wanderwege und an Wäldern vorbei, während uns die Fahrgäste in den entgegenkommenden Sesseln zuwinkten. Oben angekommen, liefen wir noch etwa eine Viertelstunde bis zum Gasthof Jocher.

Der Jocher ist ein perfekter Ort für eine Mittagspause. Wir saßen auf der Sonnenterrasse und genossen die Aussicht, doch auch der Blick nach innen lohnt sich. Das moderne, einladende Design erwartet man nicht unbedingt, wenn man an einen Berggasthof denkt. Ähnlich überraschend ist die Speisekarte. Lokale Zutaten werden hier mit viel Liebe zu kleinen Leckereien verarbeitet. Schade war nur, dass die Mittagspause so schnell vorbei war. Hier wären wir gerne länger geblieben, am besten gleich mehrere Tage in einem der Zimmer des Gasthofs. Aber wir mussten weiter. Einen besseren Abschluss für unseren Besuch in Lana hätten wir uns kaum vorstellen können.





Eine Region, die Menschen zusammenbringt
Das Reiseprogramm trug den Titel „Lana verbindet“. Solche Sätze klingen zunächst nach Tourismuswerbung, doch nach ein paar Tagen war die Formulierung erstaunlich treffend. Ich denke dabei weniger an Sehenswürdigkeiten als an Max in der Brauerei, Irmgard zwischen den Reben, Peter am Gleitschirm und die neuen Bekannten auf dem Campingplatz.

© Gerd Blank

Vielleicht ist genau das die Stärke dieser Region. Man sitzt unter Kastanien, schaut über Apfelplantagen, hält am Vormittag ein Weinglas in der Hand und lässt sich wenig später einen Gleitschirm umschnallen. Dazwischen bleibt genug Zeit für Gespräche. Wer Lana nur durchfährt, bekommt davon vermutlich wenig mit. Wer bleibt und sich an einen Tisch setzt, versteht es ziemlich schnell.
Infos für die Reise
- Camping: Der Campingplatz Völlan liegt im Zehentweg 6 in Völlan oberhalb von Lana. Die terrassenförmig angelegten Komfortplätze sind 80 bis 90 Quadratmeter groß und für Camper und Wohnmobile bis 7,50 Meter Länge geeignet. Zum Platz gehören ein Pool, moderne Sanitäranlagen und ein kleiner Laden mit frischen Brötchen und Dingen für den täglichen Bedarf.
- Brauereibesichtigung: FREEDL bietet von März bis November freitags Führungen durch die Brauerei mit anschließender Verkostung an. Eine vorherige Reservierung ist erforderlich.
- Genusswanderung: Die geführte Genusswanderung in Prissian verbindet Ortsgeschichte, Weinbau und mehrere kulinarische Stationen. Sie dauert etwa sechs Stunden. Termine, Preise und Anmeldeschluss sollten vorab geprüft werden.
- Tandemflug: Flüge mit Fly42 sind wetterabhängig und sollten reserviert werden. Passagiere können zwischen 15 und 120 Kilogramm wiegen. Wichtig sind feste Schuhe und Kleidung, die zur Temperatur in der Höhe passt. Fotos und Videos vom Flug sind möglich.
- Vigiljoch: Die Seilbahn Vigiljoch startet in Lana und fährt regulär im Halbstundentakt. Von der Bergstation geht es mit dem Sessellift weiter hinauf. Kombitickets sind an der Talstation erhältlich. Fahrplan und Betrieb können sich je nach Saison und Wetter ändern. Vom Busbahnhof Lana sind es zu Fuß nur wenige Minuten bis zur Talstation.
- Einkehr: Der Gasthof Jocher ist ausschließlich zu Fuß sowie mit Seilbahn und Sessellift erreichbar. Für den Gasthof Falger in Völlan empfiehlt sich besonders am Abend eine Reservierung. Öffnungszeiten und Ruhetage am besten vor dem Besuch kontrollieren.
