Ontario mit dem Camper: Viel Wasser, bunte Wälder und ganz viel Herz

Wir sind mit einem großen RV durch Ontario gereist. Zwischen Kanutouren im Algonquin Provincial Park, Begegnungen in Ottawa und einem Flug über die Thousand Islands bleibt auch Zeit, am See einfach die Beine hochzulegen. Eine Rundreise durch den kanadischen Herbst, bei der die Menschen mindestens so viel Eindruck hinterlassen wie die Landschaft.

110 Liter Benzin floßen in den Tank. Und dennoch war unser Ford anschließend immer noch nicht richtig satt. Henning und ich haben das Wohnmobil inzwischen Godzilla getauft. Der Name passt zu seinem Appetit, aber auch zum tiefen Brummen des V8, mit dem er uns durch Ontario schiebt. Auf dem Display stehen zeitweise 22 Liter auf 100 Kilometer. Hier ist halt alles etwas größer, auch der Hunger. Dafür haben wir reichlich Platz im Innenraum, kommen entspannt über die Hügel und können unser Zuhause mitnehmen, wenn uns der nächste See noch besser gefällt.

Viel Platz in der Hütte © Gerd Blank

Wir sind Anfang Oktober unterwegs, weil wir den kanadischen Herbst sehen wollen. Bunte Laubbäume, Wasser, Wälder und am Abend ein Lagerfeuer vor dem Camper. Natürlich sind das Klischees. Aber es gibt schließlich einen Grund, weshalb sie sich so hartnäckig halten. Rund 1.500 Kilometer werden wir auf unserer Reise fahren, vom Großraum Toronto in den Algonquin Provincial Park, weiter nach Ottawa, zu den Thousand Islands und nach Kingston, über den Rice Lake und Peterborough bis nach Niagara. Am Ende geht es zurück nach Toronto. Klingt nach viel. Aber ein Blick auf die Karte zeigt schnell, dass das nur eine kleine Ecke dieser riesigen Provinz ist. Ontario ist etwa dreimal so groß wie Deutschland. Natürlich können wir in nur zehn Tagen nicht ganz Ontario bereisen, geschweige denn ganz Kanada. Aber wir haben eine Route gewählt, die uns in dieser Zeit viel von dem zeigt, was man mit Kanada verbindet. Die Fahrt soll zudem perfekt für den ersten Besuch sein: möglichst unkompliziert, einfach zu fahren und gleichzeitig mit vielen Highlights, die auf unserer Wunschliste für Kanada stehen.

Erst einmal ankommen

Als wir in Toronto landen, ist es noch taghell. Wir sind nach Westen geflogen, der Tag hat sich gedehnt, nur unsere Körper haben davon offenbar nichts mitbekommen. Nach dem langen Flug sind wir ziemlich übernächtigt und froh, dass wir zunächst im Sandman Signature Toronto Airport Hotel einchecken können. Zum Haus gehört das Restaurant Moxies. Für den ersten Abend ist es angenehm, wenn zwischen Essen und Bett kein großes Besichtigungsprogramm mehr liegt.

Am nächsten Tag übernehmen wir bei Cruise Canada in Bolton, nordwestlich von Toronto, unseren Ford. Vor uns steht ein Wohnmobil mit einer Kabine, die sich mit Platzproblemen gar nicht erst lange aufhalten will. Ein Informationsvideo erklärt die Grundlagen, anschließend zeigt uns eine Mitarbeiterin das Fahrzeug. Die Übernahme ist unkompliziert. Trotzdem lohnt es sich, aufmerksam zuzuhören. Wasser, Strom und Abwassertanks funktionieren hier etwas anders als in Deutschland und sind auf einer solchen Reise schließlich bald Teil des Alltags.

Erster Campground im Algonquin Park – inklusive Feuerstelle und viel Platz © Gerd Blank

Geschirr und Bettwäsche gehören zu den zusätzlich buchbaren Ausstattungspaketen. Dazu bekommen wir blaue Klappstühle, auf denen man zwar sitzen kann, aber vermutlich keine eigene Campingmöbel-Marke gründen würde. Praktischer ist ein Tisch an der Station, auf dem andere Reisende Dinge zurückgelassen haben, die sie nicht mit nach Hause nehmen wollten: Spülmittel, Salz, Lappen, sogar Kaffeemaschinen. Man darf sich bedienen. Für uns ist das eine ziemlich gute Form der Begrüßung, weil vieles davon genau zu den Kleinigkeiten gehört, die man sonst beim ersten Einkauf vergisst.

Die Größe des Fahrzeugs verlangt anfangs Aufmerksamkeit. Auf den breiten Straßen wird daraus aber schnell Routine. Auch die mehrspurigen Freeways erleben wir überwiegend als entspannt. Für uns fühlt sich Camping mit einem großen RV hier erstaunlich selbstverständlich an. Auf dem Campingplatz merkt man später, dass auch die Parzellen auf solche Fahrzeuge vorbereitet sind.

Der Herbst hält sich an die Bilder

Genau deshalb sind wir im Herbst gefahren: So schön sieht sieht das Herbstlaub in Kanada aus © Gerd Blank

Nach einigen Stunden Fahrt erreichen wir den Algonquin Provincial Park. Der Park ist rund 7.630 Quadratkilometer groß. Wir lernen vor allem den Bereich entlang des Highway 60 kennen, mit seinen erreichbaren Seen, Wanderwegen und Campingplätzen. Für eine erste Begegnung mit dieser Landschaft reicht das vollkommen aus. Colin von Algonquin Outfitters führt uns zu mehreren schönen Stellen und einem Aussichtspunkt. Vor uns liegen Hügel, Wasser und Bäume in den Farben, für die wir gekommen sind. Die Fotos, die man vor einer solchen Reise gesehen hat, wirken plötzlich sehr vernünftig. Allerdings können sie kaum vermitteln, wie es ist, selbst zwischen diesen Wäldern zu stehen und hinter der nächsten Biegung schon wieder einen See zu entdecken. Colin erzählt von seinem Kanada, während wir durch die Landschaft laufen. Solche Begegnungen geben einem Ort etwas, das auf einer Karte fehlt. Man erfährt, worauf jemand achtet, der hier lebt, und sieht anschließend selbst genauer hin. Für uns ist das ein guter Einstieg in die Reise.

Colin kennt den Weg © Gerd Blank

Unser erstes Quartier ist der Lake of Two Rivers Campground. Zwischen den Bäumen haben wir eine große Parzelle mit einer eigenen Feuerstelle und einem Picknicktisch. Mit dem Lagerfeuer wird es am ersten Abend allerdings nichts, weil es regnet. Der Boden unserer Parzelle ist nicht überall eben. Auffahrkeile wären jetzt hilfreich, gehören aber nicht zu den Dingen, die wir vom Tausch-Tisch an der Vermietstation mitgenommen haben. Der See liegt gleich am Platz, die Waschhäuser mit Duschen sind ordentlich. Nachts wird es allerdings sehr dunkel. Ich war froh, dass ich eine Kopftaschenlampe mitgenommen habe.

In der Nähe gibt es den Lake of Two Rivers Store mit Lebensmitteln, Outdoor-Zubehör und Souvenirs sowie das Café & Grill. Wer nach einer Wanderung keine Lust auf den eigenen Herd hat, muss also nicht weit suchen. Der Platz ist für uns genau richtig, um anzukommen und den Park kennenzulernen. Vieles ist bequem erreichbar, trotzdem stehen wir mitten zwischen den Bäumen. Für den Besuch der Parkeinrichtungen braucht man ein gültiges Permit. Wer im Park campiert, hat die Tagesnutzung für den Zeitraum seines Camping-Permits bereits dabei. Besonders in der Herbstlaub-Saison sollte man die Reservierung vorher erledigen, denn gerade an Wochenenden können die Tageskontingente ausverkauft sein. Auch das Holz fürs Lagerfeuer wird vor Ort gekauft. Mit mitgebrachtem Brennholz können Schädlinge und Krankheiten reisen, die man in diesen Wäldern möglichst nicht haben möchte.

Mit Tia dorthin, wo die Straße aufhört

Tia zeigt uns ihre Wahlheimat © Gerd Blank

Am nächsten Morgen treffen wir Tia von Algonquin Outfitters am Lake Opeongo. Sie begleitet uns auf einer geführten Kanutour zum Hailstorm Creek. Zunächst sitzen wir in einem Motorboot. Etwa 20 Minuten bringt uns das Wassertaxi über den See, bis wir auf einer kleinen Insel in unser Kanu umsteigen. So gelangen wir direkt in den Bereich, den wir erkunden wollen, ohne erst lange über offenes Wasser paddeln zu müssen. Tia erklärt uns das Boot, dann sitzen wir zu dritt im Kanu. Das Wasser ist ruhig, an den Ufern stehen Wälder in satten Herbstfarben. Zwischen den Paddelschlägen erzählt sie von Pflanzen und Tieren, aber auch von ihren eigenen Jahren in der kanadischen Wildnis. Wenn jemand seine Umgebung gut kennt und gern davon erzählt, wird aus einem Ausflug schnell mehr als eine Strecke, die man hinter sich bringt.

Henning ist in seinem Element © Gerd Blank

Wir kommen an Biberbauten vorbei und sehen einen Damm, der Wasser aufstaut. Tia erklärt uns, wie die Tiere damit ihren Lebensraum gestalten und die Eingänge ihrer Bauten unter Wasser halten. Aus dem Kanu betrachtet wirkt das sehr anschaulich. Die Biber haben hier einiges umgebaut, ohne vorher eine Landschaftsarchitektin zu beauftragen. Für Elche bietet dieses Gebiet gute Chancen. Eine Garantie gibt es natürlich nicht, und bei uns bleibt der Elch aus. Dafür schaut der Kopf eines Otters aus dem Wasser. Wir sehen Blauhäher und einen Greifvogel, hören andere Vögel und haben den Creek während unserer Tour fast für uns. Nach ungefähr vier Stunden kehren wir zurück. Die Ruhe auf dem Wasser und das Gespräch mit Tia gehören zu den schönsten Erlebnissen dieser Reise. Dass uns ein Elch fehlt, ist am Ende erstaunlich unwichtig.

Ottawa beginnt schon vor der Innenstadt

Stephanie bringt uns bei, wie man Unterkünfte baut © Gerd Blank

Auf dem Weg nach Ottawa steht morgens Nebel über den Seen, wie Dampf über einem heißen Getränk an einem kalten Tag. Godzilla brummt weiter, wir schauen aus dem Fenster. Bevor wir in die Stadt fahren, besuchen wir die Mādahòkì Farm, einen Ort, an dem indigene Kultur vermittelt wird und ein Markt Kunsthandwerk und Produkte indigener Anbieter zusammenbringt. Hier treffen wir Stephanie, die uns von ihrer Algonquin-Herkunft erzählt. Auf der Farm lebt auch eine Herde der seltenen Ojibwe Spirit Horses. Die kleinen Pferde waren in den 1970er-Jahren beinahe ausgestorben. Heute wird die Zucht erhalten, und die Farm erzählt die Geschichte ihrer Verbindung zu indigenen Gemeinschaften. Stephanie spricht mit uns über Turtle Island, die Schildkröteninsel. In der Schöpfungsgeschichte, die sie uns erzählt, entsteht das Land auf dem Rücken einer Schildkröte. Es ist ein anderer Zugang zu dem Kontinent, über dessen Straßen wir gerade fahren. Wir hören zu und merken, wie wenig wir bisher über die Geschichten wissen, die zu dieser Landschaft gehören.

Unser Wohnmobil bleibt anschließend auf dem Wesley Clover Parks Campground, einem bewaldeten Platz im Westen Ottawas. Für den Besuch der Innenstadt nehmen wir ein Uber. Das ist bequem, und wir müssen uns zwischen den Stationen des Abends keine Gedanken über einen ausreichend großen Parkplatz machen. Mit Ottawa Food Tours erkunden wir den historischen ByWard Market. Unsere Guide Flavia ist Spanierin, lebt seit mehreren Jahren in Ottawa und hat zuvor schon an anderen Orten der Welt gelebt. Sie führt uns durch das Viertel und seine kulinarischen Angebote. Uns gefällt diese Art, eine Stadt kennenzulernen: Man läuft, hört Geschichten und bekommt zwischendurch etwas zu essen. Danach sind wir müde, satt und ziemlich zufrieden.

Ottawa ist für Food-Liebhaber eine unbedingte Empfehlung © Gerd Blank

Am folgenden Tag gehen wir mit Jaime von Indigenous Walks erneut durch Ottawa, diesmal mit einem anderen Blick auf die Stadt. Bei ihrem Rundgang stehen indigene Perspektiven auf Orte, Geschichte und das heutige Leben im Mittelpunkt. Unser Spaziergang führt uns auch nach Little Italy und Chinatown. Dass man eine Stadt mehrfach durchlaufen kann und dabei jedes Mal etwas anderes mitnimmt, macht solche Führungen für uns interessant. Zum Mittagessen sitzen wir im Mill Street Brew Pub am Ottawa River, mit Blick auf die Anlagen am Fluss. Später geht es zurück zum Campingplatz. Dort klappt endlich auch das Lagerfeuer, das uns im Algonquin Park der Regen verdorben hatte. Eine eigene Feuerstelle direkt an der Parzelle ist eine Ausstattung, an die man sich sehr schnell gewöhnt.

Die Thousand Islands aus zwei Perspektiven

Der Traum vieler Menschen: ein eigenes Haus auf einer der 1000 Islands © Gerd Blank

Von Ottawa fahren wir weiter nach Gananoque. Unterwegs bekommt Godzilla jene 110 Liter Benzin, die den Tank nicht komplett füllen und daher seinen Namen endgültig rechtfertigen. Danach geht es für uns erst einmal ohne Ford weiter, denn bei 1000 Islands Helicopter Tours steigen wir in einen Helikopter. 20 Minuten fliegen wir über die Inselwelt im Sankt-Lorenz-Strom, während der Kommentar auf Deutsch aus dem Kopfhörer kommt. Unter uns ziehen die Brücken des Thousand Islands Bridge Systems, die Villen der Millionaire’s Row und die Manhattan-Inselgruppe vorbei. Von oben wirkt die Landschaft wie ein Puzzle, bei dem zwischen den einzelnen Teilen sehr viel Wasser übrig geblieben ist. Manche Inseln bieten reichlich Platz für ein Haus und einen Garten, andere wirken, als hätte jemand gerade noch einen Baum unterbringen können. Die Region liegt zwischen Kanada und den USA. Vom Helikopter aus sieht man vor allem, wie wenig sich das Wasser für diese Grenze interessiert. Die Inseln, Häuser, Brücken und Boote gehören zu einer gemeinsamen Landschaft, auch wenn auf der Karte zwei Länder daraus werden.

Henning Pommée darf vorne im Hubschrauber er sitzen © Gerd Blank
Gerd Blank sitzt hinten © Gerd Blank

Nach einer Mittagspause bei Laverne’s Eatery in Gananoque wechseln wir erneut das Verkehrsmittel. Mit City Cruises Gananoque sind wir drei Stunden auf dem Sankt-Lorenz-Strom unterwegs, auch durch amerikanische Gewässer. Wir sehen einige der Inseln wieder, die morgens noch unter uns lagen. Vom Boot aus bekommen die Häuser und Ufer andere Proportionen. Beide Ausflüge am selben Tag zu machen, ist für uns deshalb eine ziemlich gute Kombination. Ein Höhepunkt ist der Blick auf Boldt Castle auf Heart Island bei Alexandria Bay. Der Hotelier George Boldt, der das Waldorf Astoria in New York führte, ließ das Schloss als Liebeserklärung an seine Frau Louise bauen. Als sie 1904 starb, stellte er die Arbeiten ein. Die Geschichte erklärt, weshalb dieses große Gebäude auf seiner kleinen Insel weit mehr ist als ein besonders auffälliges Ferienhaus.

Zur Region gehört auch das Thousand Island Dressing. Über seine Entstehung kursieren mehrere Geschichten, einige davon mit einer Verbindung zu Boldt und seinem Umfeld. Für eine eindeutige Erfinder-Zuschreibung reichen sie nicht aus. Die Gegend hat offenbar genug Stoff für Landschaftsbilder, Liebesgeschichten und Salatsaucen zugleich. Am Abend stehen wir auf dem Ivy Lea Campground am Thousand Islands Parkway. Unsere Parzelle liegt in einer kleinen Senke direkt am Fluss. Nach dem Flug und der Bootsfahrt ist das eine sehr angenehme Fortsetzung des Tages: Wir müssen für den Blick aufs Wasser einfach nur aussteigen.

Boldt Castle auf Heart Island © Gerd Blank

Kingston: erst hinter Gitter, dann aufs Rad

In Kingston fällt uns der Kalkstein auf, aus dem viele historische Gebäude bestehen. Die Stadt trägt den Beinamen Limestone City und ist mit der Queen’s University auch eine Universitätsstadt. Unser erstes Ziel ist allerdings ein Gebäude, in dem die Aufenthaltsdauer früher selten freiwillig gewählt wurde. Das Kingston Penitentiary wurde 1835 eröffnet und 2013 geschlossen. Bei der etwa anderthalbstündigen Führung gehen wir durch Zellen und Arbeitsbereiche, deren Geschichte teilweise bis in die Anfangszeit zurückreicht. Ehemalige Mitarbeiter erzählen vom Alltag im Gefängnis, von Aufständen und Ausbrüchen. Ihre Erinnerungen geben den Räumen eine zusätzliche Bedeutung. Heute wird die Anlage auch für Film- und Fernsehproduktionen genutzt.

Ein Zellentrakt im  Kingston Penitentiary (Kingston Pen) © Gerd Blank

Anschließend sitzen wir im Juniper Café am Tett Centre. Das Café liegt in einem historischen Gebäude der früheren Morton’s Brewery & Distillery direkt am Ontariosee. Auf der Terrasse ist der Abstand zum Wasser angenehm klein. Nach den Gefängnismauern tut dieser offene Blick besonders gut. Am Nachmittag fahren wir mit unserem Guide Steve ungefähr eine Stunde durch Kingston. Die Räder kommen von Ahoy Rentals, einem Verleiher, der seit 1997 am Wasser aktiv ist. Unser Ausgangspunkt ist der Portsmouth Olympic Harbour. Ein Teil der Strecke führt über den Great Lakes Waterfront Trail. Das gesamte Wegenetz ist inzwischen rund 3.600 Kilometer lang. Für einen Nachmittag bleiben wir bei einem überschaubaren Ausschnitt. Das Rad ist eine gute Ergänzung zum RV. Wir kommen durch die Stadt, halten leicht an und sehen mehr, als wir während der Weiterfahrt aus dem Ford mitnehmen könnten. Danach geht es für Godzilla wieder auf die Straße, bis zum Rice Lake.

Ein Tag ohne Weiterfahrt

Im Elmhirst’s Resort bei Keene bleibt das Wohnmobil stehen. Wir haben einen ganzen Tag, an dem wir nirgendwo anders sein müssen. Nach den vielen Stationen tut das gut. Schon beim Frühstück kommt Peter Elmhirst an unseren Tisch und beginnt zu erzählen. Der Familienbetrieb besteht inzwischen über fünf Generationen, Peter selbst gehört zur dritten. Gemeinsam mit seiner Frau Anne Marshall hat er das Resort über viele Jahre geprägt. Während er später seine Rinder von einer Weide zur nächsten bringt, berichtet er davon, wie er das Land von seinen Eltern übernahm und den Tourismusbetrieb ausbaute. Nach seiner Erinnerung war der dafür aufgenommene Kredit dreimal so hoch wie der damalige Jahresumsatz. Wenn man heute die Ferienhäuser am See sieht, lässt sich leicht vergessen, welches Risiko am Anfang solcher Geschichten steht.

Perfekter Stellplatz im Elmhirst’s Resort © Gerd Blank

Die Cottages bieten Platz für Familien und Gruppen. Zum Resort gehört weiterhin eine Farm, deren Produkte in der eigenen Küche verarbeitet werden. Unter dem Namen Elmhirst’s Own wird diese Verbindung zwischen Landwirtschaft und Gastronomie sichtbar. Dazu kommen Solaranlagen und eine Pelletanlage, die das Hauptgebäude und die Pools beheizt. Das sind konkrete Bestandteile des Betriebs, die Peter und seine Familie über die Jahre aufgebaut haben. Wer aktiv werden möchte, findet Kanus, Kajaks und Paddleboards, Spazierwege und Zugang zum nahen Trans Canada Trail. Es gibt einen Innenpool, Sauna, Spa-Angebote, Weinproben und ein Escape Maze. Für einen Tag könnte man sich damit wieder einen ziemlich vollen Plan zusammenstellen. Wir verbringen einen guten Teil des Nachmittags aber am Picknicktisch, legen die Beine hoch und schauen auf den See. Am von uns besuchten Ufer wirkt der Einstieg ins Wasser flach, der Boden ist allerdings steinig. Fürs Baden wären entsprechende Schuhe praktisch. An diesem Nachmittag reicht uns der Ausblick. Später essen wir im Restaurant des Resorts, ebenfalls mit Blick auf den Rice Lake.

Peter Elmhirst zeigt seinen selbst ausgebauten Campervan © Gerd Blank

Peter und Anne sind selbst gern unterwegs. Sie erzählen von Reisen mit dem Motorrad und von einem kleinen Camper, mit dem sie unter anderem Europa und Island erkundet haben. Vielleicht erklärt das auch, weshalb wir uns mit unserem großen Ford hier so gut aufgehoben fühlen. Für eine Anreise mit dem RV sollten Reisende die Übernachtungsmöglichkeit und ihre Bedingungen direkt mit dem Resort absprechen. Die Geschichte dieses Ortes hören zu dürfen, ist für uns ohnehin fast noch schöner als sein Ausblick.

Kanada lässt sich auch am Kanu erklären

In Peterborough besuchen wir das Canadian Canoe Museum. Nach der Tour mit Tia interessiert uns erst recht, wie unterschiedlich ein Boot aussehen kann, das man mit einem Paddel bewegt. Das Museum betreut nach eigenen Angaben die weltweit größte Sammlung von Kanus, Kajaks und anderen Paddelbooten. Mehr als 650 gehören dazu, über 100 davon werden in der Exhibition Hall gezeigt. Der Neubau am Little Lake wurde im Mai 2024 eröffnet. Kurator Jeremy Ward und Geschäftsführerin Carolyn Hyslop führen uns durch die Ausstellungsräume und die Collection Hall, in der ein großer Teil der Sammlung untergebracht ist. Wir sehen Birkenrindenkanus, Kajaks und Boote aus unterschiedlichen Regionen und Kulturen. Ihre Formen erzählen davon, welche Materialien verfügbar waren, welches Wasser sie bewältigen mussten und wofür sie gebraucht wurden. Wer nur an Freizeit auf dem See denkt, versteht hier schnell, wie viel Geschichte in diesen Booten steckt.

Carolyn Hyslop und Jeremy Ward vom Canadian Canoe Museum © Gerd Blank
Mehr als 600 Kanus aus aller Welt werden hier gezeigt© Gerd Blank

Auch Gordon Lightfoot, einer der bekanntesten kanadischen Singer-Songwriter, hat mehrere seiner Kanus an das Museum gegeben. Sie gehören zu den Booten, an denen persönliche Reisegeschichten und die Kultur des Landes zusammenkommen. Außerdem dürfen wir einem Bootsbauer über die Schulter schauen. Das Museum bewahrt solche Fertigkeiten und vermittelt sie auch durch sein Builders-in-Residence-Programm. Der weitläufige Neubau, das Außengelände und das kleine Bootshaus passen zu einem Museum, das direkt am Wasser liegt. Nach der Führung essen wir im Silver Bean Café im Haus. Die Verbindung von Sammlung, Handwerk und See macht diesen Besuch für uns zu einem der besonders schönen Zwischenstopps der Reise.

Wein vor dem großen Wasser

Weiter südlich besuchen wir die Palatine Hills Estate Winery an der Lakeshore Road in Niagara-on-the-Lake. Unter dem Namen Ramblers Supply Co hat das Weingut einen entspannten Treffpunkt geschaffen, an dem man draußen sitzen, verschiedene Weine probieren und etwas dazu essen kann. Es gibt Cider und Boards mit lokalem Käse und anderen Produkten. Auch Hunde sind willkommen. Wir treffen Winemaker Vadim Chelekhov. Er erzählt, dass er schon als Jugendlicher durch seinen Großvater mit dem Weinmachen in Berührung kam. Seine Familie stammt aus Kaliningrad, er studierte Chemie und widmete sich später ganz dem Wein. Auch hier bekommt die Landschaft ein Gesicht, sobald jemand von seinem Weg dorthin erzählt. An der Bar fällt uns eine Bestenliste auf. Das Weingut verbindet Wein auch mit Bewegung: Im September fand der Ramblers Run statt, außerdem gibt es einen Run Club mit Belohnungen für die Läufer. Wir haben an diesem Tag bereits genug Strecke hinter uns, wenn auch überwiegend sitzend, und bleiben beim Besuch des Weinguts.

Vadim Chelekhov stellt „seine“ Weine in der Palatine Hills Estate Winery vor © Gerd Blank

Am nächsten Morgen stehen wir gegen halb zehn an den Niagarafällen. Das Wetter ist gut, die Sicht frei und bei unserem Besuch noch vergleichsweise wenig los. Rund um die Fälle hat sich eine Unterhaltungswelt mit Minigolf, Geisterbahnen und allerlei Gastronomie entwickelt. Wir nehmen sie wahr, aber dann stehen wir vor dem Wasser. Für einen Moment fällt uns dazu tatsächlich wenig ein. Manche Orte dürfen einen sprachlos machen, selbst wenn man sie vorher hundertmal auf Bildern gesehen hat. Henning und ich teilen uns auf. Er fährt mit Niagara City Cruises auf der rund 20-minütigen Voyage to the Falls in die Gischt vor den Horseshoe Falls. Ich nehme die Zipline to the Falls von WildPlay. Sie führt 670 Meter an der Schlucht entlang, mit Blick auf die American Falls und die kanadischen Horseshoe Falls. Laut Betreiberangaben werden Geschwindigkeiten von mehr als 70 Kilometern pro Stunde erreicht. Das ist eine sehr direkte Art, sich diese Aussicht einzuprägen.

Muss sein: Selfie vor den Niagara-Fällen © Gerd Blank

Anschließend treffen wir uns bei Journey Behind the Falls. Mit dem Aufzug geht es rund 38 Meter nach unten. Tunnel führen zu Öffnungen hinter dem fallenden Wasser und zu einer Aussichtsplattform an den Horseshoe Falls. Die Geschichte der Anlage reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Das heutige Tunnelsystem wurde später erneuert. Vor Ort interessiert uns vor allem, wie nahe man diesem Wasser kommen kann und wie deutlich es sich dabei bemerkbar macht. Früh zu kommen hat sich für uns gelohnt. Eine Garantie für kurze Wartezeiten ist das natürlich nicht, aber an unserem Vormittag funktioniert es gut. Danach geht es zur Rückgabe des Wohnmobils und weiter nach Toronto. Für die eigene Reiseplanung muss man diesen letzten Campertag sorgfältig mit der vereinbarten Rückgabezeit abstimmen. Zwischen den Fällen und der Vermietstation liegt schließlich noch eine Fahrt.

Toronto zum Schluss

Ein Blick auf die Millionen-Metropole Toronto vom CN-Twoer © Gerd Blank

Nach den Wäldern, Seen und Campingplätzen wirkt Toronto auf uns erst einmal wie ein deutlicher Wechsel des Programms. Gleichzeitig ist uns das Großstadtgefühl vertraut. Henning und ich kennen Hamburg gut, und es macht Spaß, nach den Tagen in der Natur wieder durch eine Stadt zu laufen. Wir checken im Union Hotel an der York Street ein, nur wenige Schritte von der Union Station entfernt. Von hier können wir Downtown gut zu Fuß erkunden. Zum Abendessen fahren wir ins Actinolite an der Ossington Avenue. Das von Justin Cournoyer mitgegründete Restaurant wird im MICHELIN Guide geführt und arbeitet mit einem wechselnden Menü, das sich an den Zutaten der Saison orientiert. Das Essen ist so gut, dass wir vergessen, die Gänge zu fotografieren. Erst hinterher bitten wir noch einmal um eine Aufstellung. Darauf findet sich zum Beispiel ein Pflaumen-Maiskuchen mit Concord-Trauben in Ingwersaft. Die Erinnerung an diesen Abend braucht bei uns offenbar mehr als eine Reihe von Tellerfotos. Nach vielen schönen Orten kommt nun noch ein Essen dazu, über das wir weiter sprechen werden. Am letzten Tag gehen wir auf den CN Tower, schlendern am Ufer des Ontariosees entlang und besuchen ein Foodfestival. Zum Abschluss sitzen wir im Beertown Public House an der Wellington Street. Mit rund 40 Bieren vom Fass bietet der Laden genügend Auswahl für ein letztes gemeinsames Bier. Wir belassen es bei einer sehr kleinen Stichprobe.

Glücklich ins Ziel

Gerd und Henning sind einfach nur glücklich © Gerd Blank

Rund 1.500 Kilometer sind wir durch Ontario gefahren. Die Provinz ist mit ihrer Gesamtfläche aus Land und Wasser ungefähr dreimal so groß wie Deutschland, gesehen haben wir also nur einen Bruchteil. Trotzdem war erstaunlich viel von dem dabei, was wir uns gewünscht hatten: die bunten Wälder, große Seen, ruhiges Wasser unterm Kanu und Campingplätze, auf denen unser ziemlich großes Wohnmobil einfach Platz hatte. Eine spektakuläre Begegnung mit Elch oder Bär blieb aus. Dafür haben wir Menschen getroffen, die uns ihre Heimat gezeigt und ihre Geschichten erzählt haben. Colin, Tia, Stephanie, Flavia, Jaime, Steve, Peter und Vadim gehören für uns jetzt zu dieser Reise, genauso wie die Aussicht auf den Hailstorm Creek oder die Thousand Islands. Ob alle Menschen in Kanada so freundlich sind, wissen wir natürlich nicht. Diejenigen, denen wir begegnet sind, haben es uns jedenfalls sehr leicht gemacht.

Die Bilder vom kanadischen Herbst waren vorher schon in unseren Köpfen. Jetzt wissen wir auch, wer uns durch diese Landschaft begleitet hat. Und wir wissen, dass ein Camper namens Godzilla zwischendurch ziemlich viel Benzin braucht.

Infos für die Reise

Route und Zeit: Unsere Rundreise führte vom Großraum Toronto über den Algonquin Provincial Park nach Ottawa, weiter nach Gananoque und Kingston, zum Rice Lake bei Keene, nach Peterborough und über Niagara zurück nach Toronto. Wir waren etwa elf Tage unterwegs und fuhren rund 1.500 Kilometer. Für zusätzliche Wanderungen, Kanutouren und Tage ohne Weiterfahrt lohnt es sich, mehr Zeit einzuplanen.

Reisezeit: Im Algonquin Park liegt die Herbstlaub-Saison üblicherweise zwischen Mitte September und Mitte Oktober. Der genaue Verlauf verändert sich von Jahr zu Jahr. Hilfreich ist der Fall Colour Report. Anfang Oktober sollten Campingplätze und Aktivitäten vorab gebucht oder angefragt werden. Einzelne Angebote beenden ihre Saison bereits zu dieser Zeit.

Wohnmobil: Die Toronto-Station von Cruise Canada liegt in Bolton. Laut den aktuell veröffentlichten CANUSA-Mietinformationen beginnt die reguläre Übernahme ab 13 Uhr, die Rückgabe erfolgt üblicherweise zwischen 9 und 11 Uhr. Mit dem vorab gebuchten Early-Bird-Paket ist die Übernahme zwischen 9 und 12 Uhr und die Rückgabe bis 15 Uhr vorgesehen. Maßgeblich sind die eigene Buchung und die vereinbarten Stationszeiten. Das ist besonders wichtig, wenn Niagara noch am Rückgabetag besucht werden soll. Ausstattungspakete, Kilometer, Generatornutzung und Kraftstoff gehören mit in die Kostenplanung. Die 22 Liter auf 100 Kilometer in diesem Bericht sind ein von uns beobachteter Anzeigewert, kein ermittelter Durchschnittsverbrauch.

Camping: Lake of Two Rivers ist 2026 vom 8. Mai bis 25. Oktober geöffnet, Wesley Clover Parks vom 1. Mai bis 13. Oktober und Ivy Lea für reguläres Camping vom 8. Mai bis 17. Oktober. Die genauen Platzpreise hängen von Saison, Stellplatz und Ausstattung ab und stehen in den jeweiligen Buchungssystemen. Für das Elmhirst’s Resort die Möglichkeit einer RV-Übernachtung, Gebühren und etwaige Restaurantbedingungen direkt anfragen. Lampe und Auffahrkeile sind sinnvoll; Brennholz wird möglichst am jeweiligen Platz gekauft. Im Algonquin Park ist das Büro des Lake of Two Rivers Campground seit 2026 geschlossen. Für Informationen, Permits und Brennholz verweist Ontario Parks auf das Mew Lake Campground Office. Der separate Store mit Café ist ein anderes Angebot.

Algonquin-Permit: Wer auf dem Highway 60 nur durch den Park fährt, braucht dafür kein Permit. Für die Nutzung von Parkeinrichtungen und Wanderwegen ist es erforderlich. Ein gültiges Camping-Permit deckt die Tagesnutzung für seine Gültigkeitsdauer ab. Tages-Permits können bis zu fünf Tage im Voraus gebucht werden. Für einzelne stark besuchte Wege gelten zusätzliche Zugangsvorgaben; Hinweise dazu stehen bei Ontario Parks.

Ausflüge und Kosten: Die folgenden Werte sind veröffentlichte Anbieterpreise vom 12. Oktober 2026, keine Aufstellung unserer Reisekosten. Alle Beträge in kanadischen Dollar. Bei Preisen ohne ausdrücklichen Hinweis auf Steuern und Gebühren zählt der Endbetrag im Buchungssystem.

AngebotVeröffentlichter PreisHinweise
Geführte Hailstorm-Creek-Tour169,98 CAD pro Person bei zwei TeilnehmendenGuide, Kanu, Ausrüstung und Wassertaxi enthalten; mit größerer Gruppe sinkt der Pro-Kopf-Preis. Park-Permit separat, sofern nicht bereits durch Camping abgedeckt.
Boldt Castle Helicopter Tour189 CAD pro Person20 Minuten, mindestens zwei Passagiere; deutscher Audiokommentar verfügbar.
Kingston Pen, Standard Tour42,13 CAD pro Person90 Minuten; laut Anbieter inklusive Gebühren und HST.
Niagara, Voyage to the Fallsab 47,95 CADRund 20 Minuten auf dem Wasser; Wartezeiten zusätzlich berücksichtigen.
Journey Behind the Falls33 CAD für Erwachsene ab 13 JahrenAktuellen Endpreis und Besuchszeit im Ticketshop prüfen.
CN Tower, Timed General Admission47 CAD für Erwachsene von 14 bis 64 JahrenEintritt mit Zeitfenster; höhere Aussichtsebene „The Top“ als Zusatzangebot.

Städte und Restaurants: Für Ottawa kann sich der Visit Ottawa Pass lohnen. Er umfasst die Auswahl von fünf teilnehmenden Premium-Angeboten und weitere Rabatte; einzelne Termine müssen zusätzlich reserviert werden. Laverne’s Eatery ist derzeit montags, dienstags sowie donnerstags bis sonntags von 8 bis 15 Uhr geöffnet, mittwochs geschlossen. Das Juniper Café am Tett Centre öffnet von Mai bis Oktober montags bis freitags von 8 bis 19 Uhr, samstags von 8 bis 18 Uhr und sonntags von 9 bis 17 Uhr. Palatine Hills nennt für Mai bis Oktober täglich 10 bis 18 Uhr, für November bis April 11 bis 17 Uhr. Im Canadian Canoe Museum gelten regulär täglich 10 bis 17 Uhr, das Silver Bean Café öffnet bereits um 9 Uhr. Actinolite nennt Mittwoch bis Samstag von 17.30 bis 22.30 Uhr; das Full Menu kostet laut Website 135 CAD, das dreigängige Neighbourhood Menu 60 CAD. Öffnungszeiten können sich saisonal oder für Veranstaltungen ändern.

Thousand Islands: Die dreistündige Bootsfahrt ab Gananoque führt an Boldt Castle vorbei. Wer das Schloss selbst besuchen möchte, braucht ein Angebot mit Landgang und muss die dafür geltenden US-Einreisevoraussetzungen beachten. Die eigene Buchung sorgfältig mit der gewünschten Route vergleichen.

Transparenz: Die Reise wurde von Destination Ontario und CANUSA unterstützt.